INTERVIEW
EU-Abgeordneter: «Putin hat sein Ziel verfehlt»

Der Grüne EU-Abgeordnete Sergey Lagodinsky über sein Herkunftsland Russland und was Europa aus der Ukraine-Krise lernen sollte.

Remo Hess, Strassburg
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Der EU-Abgeordnete Sergey Lagodinsky.

Der EU-Abgeordnete Sergey Lagodinsky.

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Herr Lagodinsky, Sie sind 1975 in der Sowjetunion geboren und sind daher quasi via Geburt ein «Russland-Versteher». Sagen Sie uns: glauben sie Putin, wenn er behauptet, dass er keinen Krieg will?

Ich glaube Putin gar nichts, was er sagt. Gerade weil ich weiss, wie es in Russland unter seinem Regime läuft. Fakt ist, dass wir noch sehr viel russisches Militär haben, sowohl an der ukrainischen Grenze als auch im Schwarzen Meer und in der Barentssee. Fakt ist aber auch, dass Putin sein primäres Ziel verfehlt hat, nämlich die Zurückdrängung der Nato. Dieses Ziel wird er auch nicht mehr erreichen.

Das heisst, der Westen hat gewonnen?

Der Westen hat nicht unbedingt gewonnen. Aber Putin hat bereits verloren. Er hat Russland endgültig als feindlichen Staat gegenüber dem Westens positioniert und isoliert. Das hat er so sicher nicht gewollt.

Russisches Kriegsschiff durchfährt die Meerenge Bosporus (16. Februar).

Russisches Kriegsschiff durchfährt die Meerenge Bosporus (16. Februar).

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Wie bewerten Sie die Pendeldiplomatie nach Moskau. Hat sich Europa nicht verzettelt? Hätten Scholz und Macron nicht besser zusammen hinfahren sollen?

In der Diplomatie gibt auch eine Arbeitsteilung. Die Nato und die USA spielen ihre Rolle. Die europäischen Staats- und Regierungschefs spielen ihre Rolle. Ich finde, so schlecht haben wir es bislang nicht gemacht. Die gemeinsame Linie hat jedenfalls gehalten.

Treffen am langen Tisch: Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Olaf Scholz.

Treffen am langen Tisch: Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Olaf Scholz.

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Deutschland irritiert aber, weil es bei der Gaspipeline «Nordstream 2» herumeiert. Sie persönlich fordern einen Verzicht von Nordstream 2, unabhängig davon, was in der Ukraine passiert.

Auch wenn er es nicht explizit sagt, hat Olaf Scholz klargemacht, dass es mit Nordstream 2 nicht weitergehen wird, wenn es eine Invasion gibt. Vom Gaslobbyisten Gerhard Schröder hat sich die SPD mittlerweile auch glaubwürdig distanziert. Aber ja: Ich finde, wir sollten auf Nordstream aus strategischen Gründen verzichten.

Wenn Sie allein das Sagen hätten: Wie würde Europa Auftreten gegenüber Putin?

Als allererstes sollten wir realisieren, mit wem wir es zu tun haben. Viele in Europa haben viel zu lange in einer Fantasiewelt gelebt, wenn es um Putin geht. Wir sollten ruhiger werden und nicht jedes Mal in Schnappatmung verfallen, wenn er uns droht. Längerfristig müssen wir prüfen, wo wir abhängig sind von Russland. Dazu gehört nicht nur die Energieversorgung.

Soll Europa alle Verbindungen kappen?

Nein. Aber dort, wo es eine asymmetrische Beziehung gibt, muss die Schieflage behoben werden. Wenn es Abhängigkeiten gibt, müssen diese gegenseitig sein. Wenn wir etwas lernen können aus dieser Krise, dann dass Europa noch viel mehr eine eigenständige Verteidigungs- und Sicherheitspolitik entwickeln muss.

Gerade das Beispiel Russland zeigt aber, dass man die europäischen Interessen kaum unter einen Hut bringen kann.

Das sehe ich nicht so. Ich denke, wir sind mit dieser Krise an einem Wendepunkt in unserem aussenpolitischen Selbstverständnis angelangt. Dieses Mal ist es Russland, nächstes Mal China. Jetzt sollte jedem klar sein, dass wir nur bestehen können, wenn wir an einem Strang ziehen.

Gefährliche Allianz? Putin mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping.

Gefährliche Allianz? Putin mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping.

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Betrübt es Sie manchmal, wenn Sie sehen, wie die Beziehung zu ihrem Heimatland zerfällt?

Herkunftsland trifft es besser. Es ist Wladimir Putin, der diese Beziehung gezielt demoliert hat. Was mich vor allem betrübt ist aber nicht der Zustand der internationalen Beziehung, sondern mitanzuschauen, was russische Staatsbürger von ihrem eigenen Regime erdulden müssen. Das macht mich tatsächlich traurig.

Sergey Lagodinsky (46) ist Rechtsanwalt und EU-Parlamentarier für die Grünen/Bündnis 90. Geboren ist er in der südrussischen Stadt Astrachan in der damaligen Sowjetunion. In den 1990er Jahren kam er im Alter von 18 Jahren mit seiner Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland.