Immobilien-Deal
«Jahrhundert-Prozess» im Vatikan: Ein Schweizer unter den Angeklagten - er beteuert seine Unschuld

Auftakt im Prozess gegen Kardinal Angelo Becciu und neun weitere Personen, darunter auch der Schweizer René Brülhart. Er beteuert seine Unschuld.

Dominik Straub, Rom
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Unter den Angeklagten im Vatikan: Der Schweizer René Brülhart.

Unter den Angeklagten im Vatikan: Der Schweizer René Brülhart.

Stephan Pick

Es ist eine illustre Gesellschaft, die am Dienstag auf der Anklagebank des vatikanischen Tribunals Platz genommen hat: Der 73-jährige Hauptangeklagte Angelo Becciu war einst die Nummer 2 im mächtigen vatikanischen Staatssekretariat und ist der erste Kardinal überhaupt, dem im Kirchenstaat der Prozess gemacht wird.

Neben ihm sind Geistliche, Banker, Broker, Finanzjongleure und der Schweizer Anti-Geldwäsche-Spezialist René Brülhart angeklagt. Zu guter Letzt wird es im Verlauf des Prozesses auch ein Wiedersehen Beccius mit seiner angeblichen früheren Geliebten geben, der selbsternannten Geheimdienst-Expertin Cecilia Marogna, der einzigen weiblichen Beschuldigten.

Bei dem «Jahrhundert-Prozess» geht es in erster Linie um den Kauf einer Luxus-Immobilie im Londoner Nobel-Stadtteil Chelsea, der unter Becciu vom Staatssekretariat eingefädelt wurde und bei dem der Vatikan sehr viel Geld in den Sand gesetzt hatte. Der genaue Verlust für die heiligen Kassen ist bisher nicht bekannt - Schätzungen reichen von 73 bis 166 Millionen Euro. Verwendet wurden auch Spendengelder der Gläubigen aus dem sogenannten Peterspfennig, die eigentlich karitativen Zwecken zugute kommen sollten.

Bei dem Deal haben sich einige der Angeklagten mit Provisionen und Boni eine goldene Nase verdient. Cecilia Marogna wiederum soll von Becciu für ihre geheimen Missionen 500000 Euro erhalten haben, die sie laut Anklage aber hauptsächlich für ihren aufwendigen Lebensstil verwendet hatte.

Papst Franziskus hat bereits Konsequenzen gezogen

Die Anklagepunkte lauten auf Geldwäsche, Erpressung, Betrug, Veruntreuung, Amtsmissbrauch und Urkundenfälschung, wobei die einzelnen Vorwürfe an die Beschuldigten unterschiedlich lauten. Becciu muss sich wegen Veruntreuung, Amtsmissbrauch und Verleitung zur Falschaussage verantworten. Der Prälat aus Sardinien, dem Papst Franziskus alle mit der Kardinalswürde verbundenen Rechte und Privilegien entzogen hat, weist die Anschuldigungen von sich und fühlt sich als Opfer eines Komplotts.

Als unschuldig bezeichnet sich auch der Schweizer Brülhart, der jahrelang die vatikanische Finanzaufsichtsbehörde AIF geleitet hatte und von dem Amt 2019 zurückgetreten war. Brülhart wird Amtsmissbrauch vorgeworfen: Er habe seine Aufsichtspflichten als AIF-Präsident zu wenig sorgfältig wahrgenommen und damit die Machenschaften der anderen Angeklagten erst ermöglicht.

Vor Prozessbeginn hatte Brülhart gegenüber dem Portal finews.ch festgehalten, dass er als AIF-Präsident stets im Interesse des Heiligen Stuhles gehandelt und nichts Falsches getan habe. Die Affäre werde sich klären, sobald die Verteidigung ihre Rechte ausüben könne.

Der 49-Jährige ist seit dem Jahr 2016 Verwaltungsrat der Hypothekarbank Lenzburg und führt in Zürich ein Beratungsunternehmen zur Bekämpfung von Finanzkriminalität. Vor seinem Wechsel nach Rom hatte René Brülhart die Financial Intelligence Unit (FIU) des Fürstentums Liechtenstein geleitet.

Der Prozess findet vor dem vatikanischen Tribunal statt, das von Giuseppe Pignatone präsidiert wird. Der Sizilianer war bis zu seiner Pensionierung einer der profiliertesten und erfolgreichsten Mafia-Jäger Italiens und im Oktober 2019 von Papst Franziskus zum Chef der vatikanischen Justiz ernannt worden.

Schlagzeilen hatte Pignatone unter anderem gemacht, als er im Jahr 2015 nach intensiven Ermittlungen die Römer «Mafia Capitale» hatte auffliegen lassen. Jahre zuvor hatte er als Staatsanwalt von Palermo unter anderem den Superpaten der Cosa Nostra, Bernardo Provenzano, zur Strecke gebracht.

Von der Anklage aus der Zeitung erfahren

Als souveräner Staat verfügt der Vatikan über eine eigene säkulare Justiz; vor dem vatikanischen Tribunal finden jährlich etwa dreissig Prozesse statt. Ob es im Fall von Becciu und den anderen neun Angeklagten zu Verurteilungen kommen wird, lässt sich schwer abschätzen. Die Strafprozessordnung des Vatikans stammt noch aus dem Jahr 1913 - in ihr fehlen die Garantien für die Angeschuldigten und ihre Verteidiger.

Die Anwälte kritisieren bereits, dass im laufenden Verfahren die Rechte der Verteidigung auf schwerwiegende Weise verletzt worden seien. Anwältin Ambra Giovene, Verteidigerin eines der angeklagten Broker, erklärt, dass sie bis heute keine Vorladung gesehen habe. Auch René Brülhart musste aus der Presse erfahren, dass ihm der Prozess gemacht werde.

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