Myanmar
Heilige Diplomatie: Was bleibt nach dem Besuch Franziskus’ bei Aung San Suu Kyi?

Als erster Papst überhaupt hat Franziskus das südostasiatische Myanmar besucht. Die Katholiken des Landes sind erleichtert, dass er das verbotene Wort «Rohingya» nicht aussprach.

Annika Bangerter, Yangon
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Was bleibt nach dem Besuch Franziskus’ bei Aung San Suu Kyi?
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Rohingya auf der Flucht vor dem Militär in Myanmar Hunderttausende suchen Schutz im benachbarten Bangladesch.
Warten auf den Papst Zwei Frauen im Massenlager.
Historisches Treffen Papst bei Aung San Suu Kyi.
Vor dem Stadium: Papstkleber auf dem Hut.
Im Stadium: Die Papst-Messe-Gruppe aus Mandalay.
Im Stadium während er Papst-Messe.
Essensausgabe in der St.Anthony Kirche
Massenlager im Nebengebäude der St.Anthony-Kirche in Yangon.
Tradition und Moderne: Ein Mann aus Katchin.
Margaret Muang.
Maria Katchin.
Massenlager im Nebengebäude der St.Anthony-Kirche in Yangon.

Was bleibt nach dem Besuch Franziskus’ bei Aung San Suu Kyi?

Keystone

Als die 85-jährige Maria am Mittwochmorgen um 5 Uhr aufwachte, waren die Bambusmatten neben ihr bereits leer. Die 5000 Menschen im improvisierten Massenlager rund um die St.-Anthony-Kirche waren schon am Vorabend losgezogen. Ihr Ziel: dem Papst so nahe wie möglich zu kommen. Um die besten Plätze zu besetzen, harrten sie mehr als zehn Stunden im Stadion Kyaikkasan Ground aus.

Die Nacht war für viele die letzte Etappe einer langen Reise.
So auch für Maria. Im Rollstuhl brachte ihre Tochter sie an den Bahnhof von Myitkyina, der Hauptstadt von Kachin, einer christlich geprägten Region im Norden Myanmars. Zwei Tage lang dauerte es, bis Maria durch die Zugfenster die ersten Hochhäuser von Yangon erblickte.

Ein Hotel können sich Mutter und Tochter nicht leisten. Wie tausend andere Gläubige rollten sie daher ihre Bambusmatten unter einer Plane auf dem Vorplatz einer Kirche aus. «Es hat nur ein paar Mücken», sagt die 85-Jährige. Vielmehr sei sie glücklich, dass sie ein Mal in ihrem Leben mit dem Papst beten könne.

Als erster Pontifex überhaupt besucht Franziskus das buddhistisch dominierte Myanmar. Damit reist er in ein Randgebiet der katholischen Kirche. Nur ein Prozent der Bevölkerung gehören dem Katholizismus an – darunter etliche Angehörige von ethnischen Minderheiten wie der Chin, Kachin oder Kayin.

Deren Vorfahren versprachen sich von den Missionaren im frühen 19. Jahrhundert einen besseren Zugang zu Bildung und Gesundheit. Die buddhistische Mehrheit hingegen verwehrte sich hartnäckig gegen die Missionierung während der englischen Kolonialherrschaft.

Sparen für den Papst

Margret gehört der Minderheit der Chin an. Die junge Mutter steht im hinteren Bereich des Stadions Kyaikkasan Ground, in dem 150 000 Menschen an der Messe des Papstes teilgenommen haben. Auf ihrem Arm reibt sich der zweijährige Sohn die Augen. Margret reihte sich mit ihrer Familie um fünf Uhr morgens vor dem Eingang ein. Am Ende reichte es dennoch nur für einen hinteren Platz. Das scheint sie nicht zu stören. Margret starrt auf die Bühne, die Franziskus eben verlassen hat, und sagt: «Er war hier. Wir sind ihm nicht egal. Er kümmert sich um uns.»

Die Reise mit dem Bus nach Yangon kostete ihre vierköpfige Familie umgerechnet rund 140 Franken. Das ist in etwa so viel wie ein Lehrer pro Monat in Myanmar verdient. Seit Margret im August erfahren hatte, dass Franziskus die Einladung von De-facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi annahm, legte sie jeden Tag Geld zur Seite. «Wir sparten, wo es nur möglich war. Auch beim Essen», sagt sie. Dass es sich gelohnt hat, steht für sie ausser Frage: «Der Papst bringt uns Liebe und Frieden.»

Das hat Myanmar auch bitter nötig: In verschiedenen Regionen kämpfen Rebellen von ethnischen Minderheiten gegen das Militär, die mächtigste Instanz im Land. Es sind Bürgerkriege, die teilweise seit mehr als 60 Jahren andauern. International für Schlagzeilen sorgt seit Monaten die brutale Verfolgung der Rohingya.

Seit Ende August sind rund 620 000 Angehörige der muslimischen Minderheit in den Nachbarstaat Bangladesch geflüchtet. Dort berichten sie von Massenerschiessungen, Vergewaltigungen und Brandschatzungen durch die Armee. Aufgrund der systematischen Gewalt sprechen die Vereinten Nationen von einer «ethnische Säuberung» im westlichen Rakhine-Staat.

Ein Wort als Tabu

Auch Papst Franziskus hat die Gräueltaten an den Rohingya explizit verurteilt. Doch damals hielt er sich nicht in Myanmar auf. Im Land akzeptieren Regierung, Militär und radikale buddhistische Mönche nicht einmal den Begriff «Rohingya». Sie sehen sie als illegale Einwanderer aus Bangladesch und bezeichnen sie als Bengali.

Noch bevor der Pontifex ins Flugzeug stieg, hatte ihn aus Myanmar ein Appell erreicht: Er solle das «R-Wort» nicht aussprechen, baten ihn die lokalen Kirchenoberhäupter. Dies könnte die Spannungen verschärfen, sagte Yangons Kardinal Charles Maung Bo. Die Aufforderung zeugt jedoch auch von einer anderen Angst. Angst vor den Konsequenzen, wenn der Papst in seiner Kritik zu deutlich würde.

Doch das ist nicht passiert. Bernard, ein Theologiestudent aus Yangon, sagt: «Was die Folgen von solch einem Tabubruch wären, weiss ich nicht. Aber ich bin mir sicher, etwas Ungutes würde passieren.» Auch wenn die Christen ihre Religion in Myanmar ausüben können und anders als die Muslime nicht brutale Übergriffe erleiden, stellt der grassierende Nationalismus ein Problem für sie dar. Denn dieser ist eng an den Buddhismus geknüpft und wird von radikalen Mönchen verbreitet.

Weil das Christentum mit der Kolonialisierung ins Land gelangte, wird es bis heute als fremd betrachtet. Oder wie Zam Khat Kham in seiner Dissertation am US-amerikanischen Concordia Seminar festhält: «Die Mehrheit der Bevölkerung in Myanmar erachtet die Christen als illoyal gegenüber dem eigenen Land.» Das dürfte ein Grund für die Probleme sein, von denen Kirchenvertreter berichten. Etwa dass sie keine Bewilligung für die Erweiterung eines Friedhofs erhalten oder dass Kirchenmitglieder schlechtere Chancen auf dem Berufsmarkt hätten.

Die beiden weit gereisten Papst-Anhängerinnen Margret und Maria sagen, ihnen seien keine Fälle von Diskriminierung bekannt. Auch Bernard, der Theologiestudent, erklärt er könne seinen Glauben problemlos leben: «Bis jetzt zumindest. Bin ich eines Tages Pfarrer, werde ich wohl einige Schwierigkeiten haben.» Er schüttelt den Kopf, mehr will er dazu nicht sagen.

So erstaunt es nicht, dass alle der befragten Katholiken die Wortwahl des Papstes unterstützen. In der Messe rief Franziskus dazu auf, nicht mit Rache auf Gewalt zu antworten. Und in seiner Rede nach dem Treffen mit Aung San Suu Kyi forderte er, dass alle ethnischen Gruppen und ihre Identitäten geachtet werden müssten. «Dieser Aufruf schliesst alle Menschen ein – auch die Rohingya», sagt Pfarrer James, der nach der Messe seine Gemeinde vor der Bühne fotografiert. Zwischen den Religionen in Myanmar brauche es «einen Dialog und nicht noch tiefere Brüche».

Erwartung der Muslime

Nicht nur lokale Christen, auch muslimische Kreise hatten grosse Erwartungen an den Besuch des Pontifex. Sind sie nun ebenso enttäuscht von ihm wie zahlreiche Menschenrechtler? Nein, sagt U Aye Lwin, Leiter des Islamischen Zentrums Myanmar. «Namen sind nicht wichtig. Die Botschaft war klar: Einheit bedeutet nicht Einheitlichkeit. Genau solche Worte brauchen wir momentan.» Ob Franziskus seinen diplomatischen Kurs in Bangladesch beibehält, zeigt sich bereits heute und morgen. Gestern Nachmittag ist er in der Hauptstadt Dhaka eingetroffen. Dort will er sich auch mit geflüchteten Rohingya treffen.

Zu diesem Zeitpunkt sitzt die 85-jährige Maria noch immer im Zug. Fast 48 Stunden lang ziehen Reisfelder, Berge und Flüsse an ihr vorbei – bis sie im krisengeschüttelten Kachin-Staat ankommt. Im Gepäck bringt sie ein T-Shirt mit nach Hause mit dem Aufdruck «love and peace».

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