Frankreich
Seltsames Phänomen: Jugendliche locken die Feuerwehr in die Falle, um die Helfer anzugreifen – was ist da los?

Ein tätlicher Angriff auf die Feuerwehr am 1.-Mai-Umzug sorgt in Frankreich für heftige Reaktionen. Die Gewalt gegen Löschtrupps in Rot wird ein Gesellschaftsphänomen. Das aber weitgehend verdrängt wird.

Stefan Brändle, Paris
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Die Szene hat etwas reichlich Absurdes. An dem sonnigen Tag der Arbeit sind Pariser Löschmänner gerade daran, am Boulevard Voltaire Holzpaletten und andere brennende Gegenstände zu löschen. Da springt eine Frau auf die Schlauchequipe zu. Mit Gewalt versucht sie, dem vordersten Mann die Spritze zu entreissen. Der lässt aber nicht locker, worauf ein Handgemenge entsteht. «Was machst du jetzt», schreit ihm die Frau zu. «Du wirst doch nicht eine Frau schlagen?» Worauf die mit einem Helm und einer Gasmaske ausgerüstete Aktivistin selber mehrfach auf den Helm des Spritzenträgers eindrischt.

Angriff auf die Feuerwehr – am 1. Mai in Paris.

Angriff auf die Feuerwehr – am 1. Mai in Paris.

Bild: Keystone

Entrüstungssturm

Der Vorfall wäre von den obligaten Krawallen und Verwüstungen am Rand des 1.-Mai-Umzuges überschattet worden – wenn sie nicht gefilmt worden wäre. Auf den sozialen Medien machte sie umgehend die Runde. Die Pariser Einheit der «Sapeurs-pompiers» (Feuerwehrpioniere) twitterte wütend: «Stop der Verwilderung und dieser neuen Aggression gegen Feuerwehrleute, die nur ihre Arbeit machen, Menschen und Güter schützen und den guten Ablauf der Demonstration ermöglichen.»

Alle politischen Parteien und Gewerkschaften, darunter auch die Organisatoren des Arbeiter-Defilees, verurteilten den tätlichen Angriff unisono. Die Frau, die laut Pariser Medien dem linksextremen Milieu zuzuordnen ist, wurde verhaftet. Das sei aber nur geschehen, weil die Szene einen medialen Entrüstungssturm ausgelöst habe, erklärte Grégory Allione, Präsident des nationalen Feuerwehrverbandes. Ihm zufolge häufen sich die Angriffe auf seine 250’000 Mitglieder seit Jahren, ohne dass etwas geschehe.

Laut den letzten verfügbaren Zahlen wurden 2018 innerhalb eines Jahres 3411 Angriffe auf die Feuerwehr gezählt, fast viermal mehr als zehn Jahre zuvor. Sie reichen von Beschimpfungen, Bespucken, Materialklau während eines Einsatzes bis zu lebensgefährlichen Attacken. Die Öffentlichkeit nimmt von dem Phänomen kaum Kenntnis, die Justiz schreitet kaum je ein. Dagegen wird die Gewalt gegen – oder durch – Polizisten in Frankreich breitflächig thematisiert und sanktioniert.

Im Fall der Feuerwehr scheinen die Vorfälle umso absurder, als den rot gewandeten Löschmannschaften beim besten Willen kein Fehlverhalten vorgeworfen werden kann. Bei den Gelbwesten-Krawallen in Paris rettete eine Feuerwehreinheit 2019 sogar eine Mutter und ein Kleinkind aus dem ersten Stockwerk eines Gebäudes, in dem Aktivisten des Schwarzen Blocks eine Bankfiliale in Brand gesteckt hatten. Beim Anrücken waren die Pompiers sogar von Demonstranten bedrängt worden.

Hinterhalt für die Feuerwehr

Vielleicht auch, weil die Feuerwehr fälschlicherweise als Verkörperung staatlicher Autorität gilt. Dass die Angriffe nur selten Schlagzeilen machen, führt der Justizexperte Marie-Pierre Sève generell auf die verbreitete Geringschätzung für die Feuerwehr zurück. In Frankreich rufen einzelne Bürger schon bei einer Migräne die Telefonnummer 18, um von der Feuerwehr ins nächste Spital gefahren zu werden. «Appeler les pompiers» (die Feuerwehr rufen) fällt in Frankreich umso leichter, als die professionellen Sapeurs-pompiers wirklich über eine gute Ausbildung für medizinische Notfälle verfügen.

Als Rettungseinheiten werden sie aber auch häufig in einen Banlieue-Hinterhalt gelockt. Häufig von Drogenhändlern aufgeboten, stecken Jugendliche Autos oder Abfallcontainer in Brand; wenn die Löschwagen dann mit Blaulicht und Sirenen anrücken, werden sie mit aller Art von Wurfgeschossen eingedeckt.

Fliegende Waschmaschinen

In der sonst eher friedlichen Pyrenäenstadt Pau brannten Mitte April nach der Verhaftung eines Mannes plötzlich diverse Fahrzeuge und Baumaschinen auf einem Parkplatz einer Wohnsiedlung. Die Feuerwehrleute ahnten Ungutes und rückten nur mit Schützendeckung durch die Polizei aus. Trotzdem wurden sie mit Steinen beworfen und mit Feuerwerksgarben beschossen. Die städtischen Überwachungskameras waren vorgängig zerstört worden, damit sich die Identität der rund 20 Angreifer nicht ermitteln liess.

Aus dem nordfranzösischen Roubaix berichtete der Berufsfeuerwehrmann Quentin de Veylder der Zeitung «Le Monde» einen weiteren Vorfall: Beim Einsatz wegen eines brennenden Autos sei ihnen vom 10. oder 11. Stockwerk des Wohngebäudes aus plötzlich eine Waschmaschine entgegengeflogen. Das sei nicht weiter gefährlich gewesen, beschwichtige Veylder: Mittlerweile gewieft, seien die Feuerwehrleute auf der Hut gewesen.