Homophobie
Gejagt, gesteinigt, vom Dach gestossen: Wie der IS mit Homosexuellen umgeht

Der IS beruft sich auf den Islam, wenn er Homosexuelle tötet. Wie viel Schwulenfeindlichkeit aber steckt tatsächlich darin? Und was bezwecken die Dschihadisten mit solchen Angriffen?

Daniel Fuchs
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Im radikalen Islamismus haben Homosexuelle keinen Platz. (Symbolbild)

Im radikalen Islamismus haben Homosexuelle keinen Platz. (Symbolbild)

Keystone

In Syrien und Irak macht die Terrormiliz IS kurzen Prozess mit Männern, über die sie sagt, sie seien schwul. Immer wieder berichten Beobachter von Schauexekutionen. Manche Opfer werden erschossen, andere gesteinigt. Gewöhnlich aber werden Schwule von ihren Häschern gefesselt und mit Augenbinde vom Dach eines hohen Gebäudes gestossen.

Seine Verbrechen stützt der IS auf den Koran und auf die Überlieferungen des Propheten. Und das, obwohl im Koran klare Aussagen zur Homosexualität fehlen. Die Anweisungen stammen vielmehr von denjenigen, die die Schriften ausgelegt haben. Allein innerhalb der sunnitischen Rechtslehre finden sich mehrere Meinungen zum Umgang mit Homosexuellen. Ihre Bestrafung reicht von Haft über Peitschenhiebe und Verbannung bis zum Tod. Auch bei den Schiiten ist die Mehrheit der Gelehrten für die Todesstrafe. Nur klein gehaltene Strömungen plädieren für Straflosigkeit.

Historisch gehen Islam und Männerfreundschaften Hand in Hand. Die Forschung nennt eine Vielfalt an homoerotischer Literatur. Bei den Rechtsschulen ist aber umstritten, ob blosse Männerliebe bereits strafbar ist oder erst der gleichgeschlechtliche Verkehr. Eine klare Meinung haben radikale Ausleger wie die Salafisten oder die Wahhabiten, denen der IS nahe steht. Gemeinhin gelten diese Strömungen auch als geistiger Nährboden für islamistischen Terrorismus. Nicht jeder Salafist ist Terrorist, aber fast jeder Terrorist hatte salafistischen Bezug, ist der oft genannte kleinste Nenner.

In der Schweiz bekennt sich eine Minderheit zum Salafismus. Sie hat sich im Islamischen Zentralrat IZRS organisiert. Auf seiner Website gibt er Tipps für ein aus seiner Sicht islamkonformes Sexualleben. Das Stichwort Homosexualität taucht gar nicht erst auf, dafür Analverkehr, der auch zwischen Mann und Frau «haram», also verboten sei. In einem Kommentar zum Schul-Sexualunterricht kritisiert der IZRS, der gleichgeschlechtliche Verkehr werde als «völlig normale Option neben das klassische Familienmodell von Mann und Frau gestellt».

Interessanterweise unterscheidet sich diese Tonalität kaum von derjenigen der christlich motivierten Gegner der «Frühsexualisierung von Kindern», wie sie den Sexualkundeunterricht an Schweizer Schule gerne bezeichnen.

Auch Christen verfolgen Schwule

In Uganda werden Schwule verfolgt. 85 Prozent der Bevölkerung des ostafrikanischen Landes sind Christen. Und im europäischen Rating der Schwulenfreundlichkeit der Organisation für Homosexuelle und Transmenschen Ilga belegt das muslimische Albanien einen besseren Rang als die Schweiz.

Und trotzdem: Die Hinweise verdichten sich, dass die Bluttat des Orlando-Attentäters radikalislamisch motiviert ist. Sexuell anders gestrickte als Heteros geben ein besonders gutes Feindbild für den IS ab. Ein Angriff läge nicht nur deshalb in der Logik des IS. Er richtet sich direkt gegen die liberale Gesellschaft. Diese lässt nicht nur mehr sexuelle Freiheit zu, sondern ist auch den muslimischen Einwanderern grundsätzlich offen gestimmt. Genau das will der IS ändern. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Stimmung gegenüber Muslimen kippte – und mehr Muslime mit dem IS sympathisierten.

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