Flugzeugentführung in Weissrussland
«Was für eine verdächtige Scheisse»: Roman Protasewitsch ahnte schon vor dem Abflug, dass irgendetwas faul ist

Der 26-jährige Weissrusse kritisierte das Lukaschenko-Regime, publizierte zu Protesten im Land, floh schliesslich aus Minsk. Wer ist der Mann, wegen dem Weissrusslands Machthaber ein Flugzeug entführen lässt?

Inna Hartwich, Moskau
Merken
Drucken
Teilen
Der weissrussische Oppositionelle Roman Protasewitsch, hier bei einer Demonstration in Minsk 2017: Er befindet sich nun in den Fängen des weissrussischen Geheimdienstes KGB.

Der weissrussische Oppositionelle Roman Protasewitsch, hier bei einer Demonstration in Minsk 2017: Er befindet sich nun in den Fängen des weissrussischen Geheimdienstes KGB.

Sergei Grits / AP

Der hochgewachsene Mann mit Glatze, in heller Stoffhose und einem ledernen Köfferchen sei ihm bereits beim Einsteigen in Athen aufgefallen. Er habe seltsame Fragen auf Russisch gestellt, habe seinen Pass abzufotografieren versucht. «Was für eine verdächtige Scheisse», soll Roman Protasewitsch seinen Kollegen in seinem Telegram-Kanal geschrieben haben.

Da war der 26-Jährige von seinen Ferien in Griechenland auf dem Weg zurück in seine Wahlheimat Litauen. Mit einem Ryanair-Linienflug nach Vilnius. Die Kollegen publizierten den Chatverlauf als letztes Lebenszeichen des weissrussischen Fotografen, Bloggers, Aktivisten. Wo Protasewitsch sich jetzt aufhält, ist nicht bekannt. Vermutlich in den Fängen des weissrussischen Geheimdienstes KGB.

Behörden in Weissrussland bestätigen Protasewitschs Festnahme

Einen Tag nach der erzwungenen Landung einer Passagiermaschine in Minsk haben die weissrussischen Behörden die Festnahme des Bloggers Roman Protasewitsch bestätigt. Er sei in Untersuchungshaft genommen worden, teilte das Innenministerium am Montagabend im Nachrichtenkanal Telegram mit. Zugleich wies das Innenministerium Berichte in sozialen Netzwerken zurück, wonach der Journalist im Krankenhaus liege. Der Haftanstalt lägen keine Informationen über gesundheitliche Beschwerden vor. (dpa)

Die Festnahme Protasewitschs sprengt jeglichen Rahmen internationaler Abkommen. Als sich das Flugzeug der irischen Fluggesellschaft Ryanair am Sonntagnachmittag im weissrussischen Luftraum befand, war ein Militärkampfjet vom Typ MiG-29 kurz vor der litauischen Grenze hochgestiegen und hatte den Flug FR4978 zum Abdrehen und zur Notlandung in der Hauptstadt Minsk gezwungen.

Der Diktator soll den Befehl persönlich gegeben haben

Der Befehl dafür soll offenbar persönlich von Machthaber Alexander Lukaschenko gekommen sein. Das Regime in Minsk stellt die Aktion als Heldentat dar: Es habe sich eine Bombe an Bord befunden, hiess es von der offiziellen Seite. Das allerdings stellte sich schnell als billiger wie gefährlicher Vorwand heraus. Vielmehr handelt es sich um eine Spezialoperation des KGB, der eine zivile Maschine kapert, um eines Regierungskritikers habhaft zu werden.

Protasewitsch lebt seit 2019 im Exil, weil er weiss, wie gefährlich ihm die Regierung in seinem Heimatland werden kann. Der 26-Jährige ist seit Jahren in der weissrussischen Oppositionsszene aktiv. Erst war er einfacher Teilnehmer an Anti-Regierungsprotesten, später fing er als Fotoreporter für das «Europäische Radio in Belarus» an, ein in Warschau gegründetes Radio-Online-Projekt, das auf Weissrussisch publiziert und auch ein Büro in Minsk hat.

Seine ehemaligen Kollegen beschreiben ihn als «ruhigen, nicht besonders gut organisierten Fotoreporter». Nach der Stellenkürzung beim Radio ging er ins benachbarte Polen – und gründete 2015, zusammen mit dem damals 17-jährigen Stepan Putilo, den Telegram- und Youtube-Kanal Nexta (gesprochen: nechta, auf Weissrussisch «Jemand»). Er wurde Nextas Chefredaktor.

Unabhängigkeit nur ausserhalb der etablierten Medien

Da weissrussische Medien fest in staatlicher Hand sind und damit ein Propaganda-Werkzeug der Regierung, sind es vor allem Online-Projekte – im In- wie im Ausland –, die sich um unabhängige Informationsbeschaffung bemühen. Journalisten wie Aktivisten schreiben dabei über die Willkürherrschaft Lukaschenkos, über Festnahmen und Folter, über rechtsstaatliche Defizite im Land – und sind einem grossen Druck bis hin zu Gefängnisstrafen unterworfen.

Nexta machte sich vor allem während des Protestsommers nach der offensichtlich gefälschten Präsidentenwahl 2020 einen Namen. Da das Internet damals teilweise blockiert war und der Mobilfunk gedrosselt, gelang es den Nexta-Machern mittels Telegram, über die Proteste zu informieren. Sie sammelten und publizierten Aufnahmen aus den Städten, veröffentlichten Szenen, wie Spezialpolizeieinheiten auf friedliche Demonstranten eindroschen, publizierten Interviews mit Geschädigten und zeigten so die Diktatur-Fratze von Lukaschenkos Regime.

Der Kanal mauserte sich zu einer der wichtigsten Informationsquellen für Lukaschenkos Gegner und wurde zum zentralen Koordinierungsinstrument der Opposition. Bereits im Oktober stufte ein Gericht in Minsk Nexta als extremistisch ein. Im November warf das Ermittlungskomitee Protasewitsch und Putilo vor, für Massenunruhen verantwortlich zu sein. Das Regime in Minsk wendet solche Anschuldigungen gern gegen Oppositionelle an. Darauf stehen bis zu 15 Jahre Freiheitsentzug.

Ein Alarmzeichen für alle Oppositionellen

Der Leiter des weissrussischen KGB, Iwan Tertel, erklärte noch vor einigen Monaten, «Verräter und Abtrünnige zu verfolgen, egal, wo sie sich aufhalten». Das Verschleppen von Protasewitsch ist ein Alarmzeichen an alle weissrussischen Regimekritiker.

Roman Protasewitsch war sich stets der Gefahr wegen seiner Arbeit bewusst. Im November ging er von Nexta weg und arbeitete zuletzt als Fotograf im Team von Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja. Auch seine Freundin Sofja Sapega, eine 23-jährige russische Staatsbürgerin, die in Vilnius studiert, kam nicht aus Athen in Vilnius an. Was mit ihr geschieht, ist ebenfalls unklar.

Vier weitere russische Bürger sollen nicht in Vilnius angekommen sein. Beobachter gehen davon aus, dass es sich dabei um Geheimdienst-Mitarbeiter handelt.

EU bestellt belarussischen Botschafter ein

Wegen der erzwungenen Flugzeuglandung in Minsk hat die Europäische Union den belarussischen EU-Botschafter zum Gespräch in Brüssel einbestellt. Botschafter Alexander Michnewitsch sei am Montag übermittelt worden, dass die EU-Institutionen und die EU-Staaten das Handeln der belarussischen Behörden scharf verurteilten, teilte der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) mit. Das Gespräch führte demnach EAD-Generalsekretär Stefano Sannino im Auftrag des EU-Aussenbeauftragten Josep Borrell. (dpa)