Erste Tiere aus dem «Wal-Gefängis» auf dem beschwerlichen Weg in die Freiheit

Acht Jungwale sind in der russischen Pazifikregion auf dem Landweg in die Freiheit. Eine strapaziöse Reise, die fast hundert anderen Meeressäugern noch bevorsteht.

Stefan Scholl, Moskau
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Die in der Srednaja Bucht gefangen gehaltenen Wale sollen diesen Sommer in die Freiheit zurückkehren dürfen. (Bild: AP ()

Die in der Srednaja Bucht gefangen gehaltenen Wale sollen diesen Sommer in die Freiheit zurückkehren dürfen. (Bild: AP ()

Gerade würden zwei Orcas und sechs Beluga-Wale zu den Schantarski-Inseln im Japanischen Meer transportiert, verkündete die TV-Moderatorin vom Steg des Walgeheges in der Bucht Srednaja. Dort werde man sie endlich freilassen. «Das ist natürlich eine Weltsensation.» Jedenfalls waren die Jungwale eine der Attraktionen bei Wladimir Putins alljährlicher Fernsehshow «Direkter Draht» am Donnerstag. Der Staatssender Perwy Kanal zeigte exklusiv, wie ein Kran mit Wasser gefüllte Transportwannen für die Wale in LKW-Container hievte.

Für eine 1800-Kilometer-Reise, bei denen den Meeressäugern einiges zugemutet wird: Umladung auf einen Frachtkahn in Chabarowsk, erneute Verladung auf LKWs in Nikolajewsk am Amur und dann Fahrt nach Innokentijewka am Japanischen Meer, wo sie ausgewildert werden sollen. «Für die Tiere ist das ein grosser Stress», erklärte der Ozeanologe Wjatscheslaw Bisikow der TV-Nation, «sie werden aus dem Wasser gehoben, in eine enge Wanne gesteckt. Deshalb werden die Trainer, die sie kennen, bei ihnen sein.»

Tiere im «Wal-Gefängnis» wurden illegal verkauft

Insgesamt begleiten 70 Experten und Helfer die Wale auf ihrer Reise. Nach Angaben der Wissenschafter habe man den Landweg einer Schifffahrt auf dem Meer vorgezogen, weil in den nächsten Tagen stürmische See zu erwarten sei, und die Tiere an Bord viel heftiger durchgeschaukelt worden wären. Seit Monaten diskutiert die russische Öffentlichkeit das Schicksal von insgesamt 102 Walen, die in der Bucht Srednaja bei Nachodka in mehreren kleinen Schwimmbecken ihres Schicksals harren. Ökologen schlugen Alarm, weil die Tiere in dem «Wal-Gefängnis» illegal an ausländische Aquarien verkauft werden sollten. «Verständlich, woher die Probleme kommen», kommentierte Wladimir Putin persönlich. «Allein die Orcas kosten etwa 100 Millionen Dollar. Deshalb gibt es viele – in Anführungszeichen – Interessenten.» Und Vizepremier Alexei Gordejew erklärte, die Regierung werde künftig den Fang von Meeressäugetieren zu Kultur- und Vergnügungszwecken verbieten. «Ein ernsthafter und lang erwarteter Schritt», kommentiert der Walexperte Grigori Zidulko auf dem Portal von Greenpeace Russland. «Russland war viele Jahre der einzige Lieferant von Orcas und Belugas für die globale Unterhaltungsindustrie».

Zidulko gehört zum internationalen Cousteau-Team, das die russische Seite beim Umgang mit den gefangenen Walen beraten hatte. Er teilte mit, man sei vom Abtransport der ersten acht Wale überrascht worden. Und Tatjana Belej vom «Delfa-Zentrum zur Rettung von Delfinen» befürchtete gegenüber dem Portal Daily Storm, die Tiere könnten zu früh freigelassen werden. «Soweit uns bekannt ist, wurde ein Teil der Massnahmen zu ihrer Rehabilitierung durchgeführt, aber sie haben erst am 5. Juni begonnen.» Die Wale erhielten gemeinsame Gehege, um sich zu Familien zu formieren. Ausserdem wurden sie nicht mehr per Hand mit toten Fischen gefüttert, um sie von den Menschen zu entwöhnen.

Allerdings zitierte die Agentur Interfax gestern eine Verlautbarung des Cousteau-Teams, angesichts des nahenden Winters sei es zu begrüssen, dass die Auswilderung der Tiere schon jetzt begonnen habe. Zudem wollen die zuständigen Fachleute des Allrussischen Forschungsinstituts für Fischerei und Ozeanografie die jungen Wale an der Küste des Japanischen Meers noch zehn weitere Tage adaptieren, bevor man sie endgültig freilässt.