Spanien
Dieses Dorf will das «Plaudern» schützen: Kann die Unesco das abendliche Nichtstun retten?

Die Bewohner im andalusischen Algar sehen ihren alten Gratis-Brauch bedroht.

Camilla Landbö, Malaga
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Soll geschützt werden: Das abendliche Plaudern.

Soll geschützt werden: Das abendliche Plaudern.

Keystone

Sich raus an die frische Luft setzen und plaudernd den Tag ausklingen lassen: So sieht das allabendliche Dasein im spanischen Andalusien aus. «Charla al fresco» heisst das gesellige Palavern bei Sonnenuntergang: Plauderei in der Abendfrische.

«Diese Tradition kommt aus einer Zeit, als es noch kein Fernsehen und keine Klimaanlage gab», sagt der spanische Anthropologe Isidoro Moreno. Früher seien die Häuser sehr einfach und nicht isoliert gewesen. In den heissen Sommermonaten mit Temperaturen über 40 Grad habe man es drinnen kaum ausgehalten.

Mit der Matratze in die Plauderrunde

«Ich erinnere mich, wie Leute aus meinem Viertel sogar Matratzen raustrugen», erzählt der emeritierte Professor der Universität Sevilla, «um dann nach dem Schwatz, in der kühleren Luft auch gleich zu schlafen.»

Anthropologe Isidoro Moreno.

Anthropologe Isidoro Moreno.

HO

Dass der alte Brauch mehr und mehr verschwindet, daran stören sich die Bewohner des Dörfchens Algar in der andalusischen Provinz Cádiz. Sie wollen die «Charla al fresco» deshalb von der Unesco schützen lassen. Die Plauderei soll als Teil des immateriellen Weltkulturerbes anerkannt werden; ein Schutz, den auch das Berner Aareschwimmen seit 2017 geniesst.

«Die Autos haben über die Jahre vielerorts die Menschen von den Strassen vertrieben», erklärt der Anthropologe Moreno. Und in den Städten habe der Bau von Hochhäusern dazu beigetragen, dass sich die Menschen abends nicht mehr vor die Tür setzen.

«Für alles, was man unternehmen will, muss man heutzutage Geld in die Finger nehmen.»

So würden auf den Plätzen Spaniens mehr und mehr Sitzbänke verschwinden, damit Restaurants ihre Tische weiter rausstellen könnten. «Alles wird zur Ware, auch das Zusammensitzen im Freien.»

Den förmlichen Antrag auf die Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste hat das Dorf bereits an die andalusische Kulturbehörde gesandt. Das ist der erste Schritt, damit der Brauch überhaupt der Unesco vorgeschlagen wird.

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