Vor 30 Jahren
Die Sowjetunion erlegten sie bei der Wildschweinjagd – doch wirklich tot ist sie noch längst nicht

Genau 30 Jahre später versucht Wladimir Putin, der mächtigste Fan der UdSSR, die Uhren wieder zurückzudrehen.

Paul Flückiger, Warschau
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Wladimir Putin sieht im Untergang der Sowjetunion eine «Tragödie». Er möchte die einstigen Sowjetrepubliken (im Bild eine Wohnstube in Moldawien) wieder vereinen.

Wladimir Putin sieht im Untergang der Sowjetunion eine «Tragödie». Er möchte die einstigen Sowjetrepubliken (im Bild eine Wohnstube in Moldawien) wieder vereinen.

Keystone

Fragt man heute in Moskau nach dem Anfang des Endes der Sowjetunion, verweisen viele auf die Wahl des Reformers Michail Gorbatschows zum Chef der UdSSR im März 1985. In Minsk nennt man den Gau in Tschernobyl am 26. April 1986. Besiegelt aber wurde das Ende des Staatenbundes im Dezember 1991 in einer Jagdhütte an der polnischen Grenze.

Dorthin hatte Stanislau Schuschkiewitsch, der Chef der weissrussischen Kommunisten, die Anführer der sowjetischen Gründerstaaten zur Wildschweinjagd geladen. Ein Vorwand. Denn eigentlich wollte Schuschkiewitsch über die stockenden Energielieferungen aus Russland reden: ein Problem, das in Minsk und Kiew zusehends für Unruhe sorgte. «Es war ein bitterkalter Winter. Uns ging das Öl und Gas aus», erinnerte er sich bei einem Treffen vor ein paar Jahren in Minsk.

«Wäre der Winter nicht so hart gewesen, hätte die UdSSR vielleicht länger existiert.»
Stanislau Schuschkiewitsch, Boris Jelzin und Leonid Kutschma traten im Dezember 1991 vor die baffen Journalisten, um das Ende der Sowjetunion zu verkünden.

Stanislau Schuschkiewitsch, Boris Jelzin und Leonid Kutschma traten im Dezember 1991 vor die baffen Journalisten, um das Ende der Sowjetunion zu verkünden.

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Gastgeber Schuschkiewitsch, sein ukrainischer Kollege Leonid Kutschma und der russische Präsident Boris Jelzin kamen rasch zum Schluss, dass es wohl das Beste sei, das kriselnde Konstrukt einfach aufzulösen und durch einen neuen Bund von unabhängigen Staaten zu ersetzen. Ob der Entscheid im Alkoholrausch gefällt wurde, wie manche meinen, ist nicht geklärt. Schuschkiewitsch erzählt jedenfalls:

«Als wir am Nachmittag vor die handverlesene Journalistenschar traten und das Ende der Sowjetunion verkündeten, waren diese völlig baff.»

Genauso baff war der Sowjetführer Michail Gorbatschow, dem durch den Entscheid die Union unter den Füssen wegbrach.

Putins Plan

Drei Wochen noch siechte die UdSSR vor sich hin. Alle Sowjetrepublikchefs trafen sich, um den alten Bund aufzulösen und die noch heute existierende Nachfolgeorganisation «Gemeinschaft Unabhängiger Staaten» (GUS) zu gründen. Am 31. Dezember 1991 kam das definitive Aus für die Sowjetunion. Für die Menschen änderte sich zuerst nichts. Die Versorgungslage blieb jahrelang katastrophal.

Weite Teile der Bevölkerung, darunter die Mehrheit der Weissrussen, hat die Entscheidung nicht verstanden. Nicht zuletzt deshalb hat der Sowjetnostalgiker Lukaschenko 1994 die ersten freien Wahlen gewonnen.

Michail Gorbatschow (hier auf einer Aufnahme von 2010) war der letzte Sowjetführer der Geschichte (1985 bis 1991).

Michail Gorbatschow (hier auf einer Aufnahme von 2010) war der letzte Sowjetführer der Geschichte (1985 bis 1991).

Keystone

Im östlichen Nachbarland Russland folgten bald Rubelkrise und Bandenkriege der Mafia. Jelzin portierte den jungen Geheimdienstmann Wladimir Putin als Nachfolger. Dieser bezeichnet das Ende der Sowjetunion als «Tragödie». 2014 liess er eine «Eurasische Wirtschaftsunion», eine Art Gegen-EU, gründen, die neben Russland, Weissrussland und Kasachstan auch Armenien und Kirgisien mit einschliesst. Um die Mitgliedschaft der Ukraine warb Putin vergeblich. Seit dem Sommer 2014 lässt er im ukrainischen Donbas die Waffen sprechen.

So schnell gibt der Langzeitplaner Putin nicht auf. Er hat jüngst rund 100'000 Soldaten an der ukrainischen Grenze aufmarschieren lassen. Den Traum einer UdSSR 2.0 träumt er 30 Jahre nach dem Untergang seiner einstigen Heimat heftiger denn je.

Grafik: Was von der Sowjetunion übrig blieb.

Grafik: Was von der Sowjetunion übrig blieb.

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