Chile
Die heikle Mission von Papst Franziskus

Die Mapuche gelten vielen Chilenen als Terroristen, jetzt besucht der Papst das indigene Volk. Die Fronten sind verhärtet – was auch mit dem Mord an einem Schweizer Ehepaar zu tun hat.

Martina Farmbauer, Rio de Janeiro
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Immer wieder kommt es in Chile zu Protesten der Mapuche, wie hier 2017 – und zu Zusammenstössen mit der Polizei.

Immer wieder kommt es in Chile zu Protesten der Mapuche, wie hier 2017 – und zu Zusammenstössen mit der Polizei.

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Es heisst, sie kämen vorwiegend nachts, würden die Bewohner zwingen, ihr Haus zu verlassen und es anzünden. So sollen sich die Mapuche, Chiles Indigene, ihr Land in Araukanien rund 800 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago zurückholen. Im Haus von Werner Luchsinger ging dabei offenbar etwas schief, der Farmer mit Schweizer Wurzeln und seine Frau Vivianne Mackay verbrannten im Januar 2013 in den Flammen.

Das brennende Haus der Luchsingers: Anfang Januar 2013 starb das Ehepaar in den Flammen. Fotos: Key

Das brennende Haus der Luchsingers: Anfang Januar 2013 starb das Ehepaar in den Flammen. Fotos: Key

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Der Mapuche Celestino Córdova, ein Machi, wie die Indigenen ihre Medizinmänner und Heilerinnen nennen, den man in der Nähe des Ortes Vilcún angeschossen aufgegriffen hatte, wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt. Elf weitere Angeklagte, unter ihnen die Machi Francisca Linconao, der man vorwirft, hinter der Aktion zu stecken, wurden im November vergangenen Jahres wegen fehlender Beweise freigesprochen. Das Urteil erzeugte in Chile grosse Aufregung.

Jahrhundertealtes Dilemma

Nicht nur, weil Papst Franziskus die ursprünglichen Völker bei seinem Besuch in Chile und Peru ein Hauptanliegen sind und er Temuco, einen Hauptort der Mapuche im Süden Chiles, an diesem Mittwoch besuchen wird. Sondern auch, weil Jorge Luchsinger Mackay, der Sohn Werners, der – gross gewachsen, blondes Haar – aussieht wie ein Schweizer und Spanisch spricht wie ein Chilene, gefordert hat, den Freispruch zu annullieren und die Untersuchung wieder aufzunehmen. Im kommenden Februar soll das geschehen. Der Tod Werner Luchsingers liegt in diesem Januar fünf Jahre zurück. Aber der Fall hat eine neue Aktualität bekommen.

An ihm zeigt sich jedoch auch ein altes Dilemma. Jahrhunderte geht es zurück. Weder die Inka noch die Spanier hatten es geschafft, die Mapuche zu besiegen, was auch daran lag, dass diese mit kleinen Gruppen von Kämpfern eine Art Guerillakrieg führten; und wenn eine Gruppe geschlagen war, schien die nächste bereitzustehen. Erst nachdem Chile 1818 seine Unabhängigkeit erlangt hatte, beschloss das Parlament in Santiago die «Befriedung von Araukanien», was man wohl eher als Völkermord bezeichnen müsste.

Die Mapuche waren nach dem Einsatz des Heeres im Süden des Landes arg dezimiert und in Reservate zurückgedrängt. Das Land, auf dem sie zuvor als Nomaden gelebt hatten, bekamen europäische Siedler, die dieses urbar machen sollten. Deutsche und Schweizer, die die chilenische Regierung in ihren Heimatländern anwarb – in der Schweiz gab es solche Agenturen etwa in Basel, Fribourg und Genf –, galten als redlich und arbeitsam. Mehr als 20 000 kamen zwischen 1883 und 1890, die man ausschliesslich in Araukanien in (ehemaligem) Mapuchegebiet ansiedelte.

Auch die Luchsingers, die man heute wohl als Arbeitsmigranten bezeichnen würde, gehörten dieser ersten helvetischen Einwanderungswelle in Chile an. Sebastian Luchsinger stammte aus dem Kanton Glarus, wo er seine Familie kaum ernähren konnte. In Chile bekam er 40 Hektar Land, die er nach einer gewissen Zeit und unter bestimmten Voraussetzungen auch überschrieben bekam – und die seine Familie über die Generationen weiter ausbauten. «Auch wenn eine gewaltbereite Gruppe unser Haus angreift, bedeutet das nicht, dass wir jetzt unser Land zurückgeben», sagte Jorge Luchsinger dem Ersten Deutschen Fernsehen.

Nicht als Volksgruppe anerkannt

Der Konflikt dürfte weitergehen, wobei sich schwer sagen lässt, wer woran schuld hat. Was sich sagen lässt, ist, dass der chilenische Staat, welcher Ausrichtung die Regierung auch gewesen sein mag, es verpasst hat, einen Ausgleich herzustellen. Auch wenn der Schweizer Club von Temuco auf einer Gedenktafel das Verschmelzen von Siedler/innen und Indigenen feiert: Die Realität sieht anders aus. Der sozialistische Präsident Salvador Allende hat Land aus Mapuche-Gemeinden in den 1970er-Jahren zurückgefordert, Diktator Augusto Pinochet anschliessend wieder zurückgegeben. Die Indigenen-Behörde soll den Mapuche seit den 1990er-Jahren Land übertragen, was sich als schwierig gestaltet, weil fast alle Siedler/innen gültige Besitztitel haben.

Die Mapuche dagegen sind in Chile bis heute nicht als Volksgruppe anerkannt, viele Chileninnen und Chilenen sehen die Indigenen als Terroristen, nach einem Gesetz aus der Pinochet-Zeit werden sie bemerkenswert oft auch so behandelt. Nun soll der Papst der Sache der Mapuche Aufmerksamkeit verschaffen und Bewegung in einen Dialog bringen, den Beobachter auch aufgrund der Radikalisierung der Mapuche und der Härte des Staates an einem toten Punkt sehen. Der Tod Werner Luchsingers und seiner Frau Vivianne Mackay hat dazu einen grossen Teil beigetragen.

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