Hochwasser
Die Ahr hat Schuld fast platt gemacht – aber nicht seine Menschen

Hans-Peter Diehl hat Menschen mit seinem Traktor gerettet, während sein Haus weggerissen wurde. Er ist nicht der einzige Held von Schuld.

Cornelie Barthelme, Schuld
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (3.v.l hinten CDU) und Malu Dreyer (5.v.l hinten, SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sprechen mit Helfern und Betroffenen bei ihrem Besuch in den vom Hochwasser verwüsteten Schuld bei Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (3.v.l hinten CDU) und Malu Dreyer (5.v.l hinten, SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sprechen mit Helfern und Betroffenen bei ihrem Besuch in den vom Hochwasser verwüsteten Schuld bei Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Christof Stache / POOL AFP

Die Ahr hat sich beruhigt. Sie plätschert und umschlingt das Dorf wieder wie eine Mutter ihr Kind. Vor knapp fünf Tagen aber hat sie das Dorf überrollt. Wo sie sonst eine Schleife zieht, schoss sie brüllend geradeaus. Und nahm mit, was ihr in die Quere geriet. Autos. Strassen. Häuser.

Am Montagvormittag geht Helmut Lussi durch sein Dorf. Alle fünf Schritte muss der Bürgermeister stehenbleiben. Meistens, weil sein Telefon klingelt. Manchmal auch, weil ihn jemand stoppt und erzählen will.

So wie Volker Landmesser. Er ist einer von den Glückspilzen. Sein Haus steht am Fluss. Als am Mittwoch der Regen kam, dachte er zuerst an die Mutter seiner Lebensgefährtin. «Rasch noch rüber fahren», sagte er sich. Doch Landmesser kam nicht weit. Die Ahr hielt ihn auf. «Normalerweise hörst du die kaum. Aber da war plötzlich ein Tosen, als stünde man neben einem Wasserfall.» Vom Wohnzimmer aus sah er, was der Fluss alles mitbrachte. «Da schwammen Wohnwagen vor uns vorbei.»

Viereinhalb Tage danach liegt die Seitenwand eines Campers am Rand der Dorfstrasse, weit weg von Landmessers Haus. Ausserdem Berge von dem, was das Wasser anderswo mitgerissen hat. Die Domhofsbrücke hat unten standgehalten. Oben nicht. Das Wasser hat die Asphaltdecke weggespült. Jetzt überspannt ein stählerner Behelf die Reste – und bietet Fussgängern sicheren Weg.

Das Drama im alten Eisenbahntunnel

Bürgermeister Lussi strebt dort voran, gemeinsam mit Hauptmann Florian Howe. Der koordiniert im Dorf die helfenden Soldaten. Vor ein paar Jahren war Howe in Afghanistan. Jetzt sagt er: «Ich habe schon vieles gesehen, auch dort – aber nichts ist so wie hier in Schuld.»

Oben zieht ein Helikopter seinen Kreis. Noch immer werden im Ahrtal Hunderte Menschen vermisst. Am Morgen hat sich die Zahl der Toten auf 116 erhöht. Howe hat gerade erfahren, dass ein paar Dörfer weiter ein Eisenbahntunnel durchsucht wird – der in der Flutnacht vollgelaufen war. «Wohl dreissig Tote», sagt Howe leise.

Sicher ist, dass Cornelia Schlösser am Leben ist. «Weil uns der Hans-Peter rausgeholt hat.» Als der Regen kam, hat die Chefin der Dorfbäckerei ihr Auto in Sicherheit gebracht. Als sie zurück war, lief das Wasser schon zum Laden rein. «Es ging alles so rasend schnell.» Am Ende wurde Cornelia Schlösser mit einer Radlader-Schaufel von ihrer Terrasse gepflückt. Von Hans-Peter Diehl, der Menschen rettete, während die Ahr sein Haus mitriss. Er wolle darüber nicht reden, sagt er zu Volker Landmesser. Er habe jetzt andere Sorgen.

Cornelia Schlösser, Chefin der Dorfbäckerei in Schulden.

Cornelia Schlösser, Chefin der Dorfbäckerei in Schulden.

In Schuld haben alle überlebt. Der Schrecken ist ihnen trotzdem nah gekommen. Volker Landmessers Stiefsohn hat in der Flutnacht mit der Luftrettung Campende aus ihren Wohnwagen geholt – und dabei über Leben und Tod entscheiden müssen. Nach dem Einsatz, erzählt Landmesser, hat sein Stiefsohn geweint.

Cornelia Schlösser lacht. Weil sie nicht weiss, wie ihr ist. Sie hat ihre Bäckerei ausgeräumt, Laden, Backstube, alles, zentnerweise Dreck und Müll. Wie fühlt sie sich? «Man kann das gar nicht sagen. Man funktioniert nur.»

Schräg gegenüber schreddert eine Maschine zu Mehl, was die Ahr angespült hat, Lastwagenladung für Lastwagenladung, ohne dass die Berge aus Schrott schmelzen. Hauptmann Howe sagt: «Diese Wucht der Natur. Dieser Zusammenhalt. Diese Hilfsbereitschaft im Land.» Bürgermeister Lussi sagt: «Wir brauchen einen langen Atem.» Und die Ahr plätschert und summt.

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