Deutschland
Dreht Putin den Deutschen den Gashahn zu? Russland drosselt Lieferung – mit einer fadenscheinigen Begründung

Russland drosselt die Lieferung mit Gas nach Deutschland drastisch um 60 Prozent. Klar ist: Mit den steigenden Gaspreisen will Putin Deutschland dazu bringen, die Unterstützung für die Ukraine herunterzufahren.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Nur noch 60 Prozent der Gasmenge fliesst über die Pipeline Nord Stream 1 (orange markiert) nach Deutschland. Nord Stream 2 daneben ist gebaut, aber nicht in Betrieb.

Nur noch 60 Prozent der Gasmenge fliesst über die Pipeline Nord Stream 1 (orange markiert) nach Deutschland. Nord Stream 2 daneben ist gebaut, aber nicht in Betrieb.

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Der russische Energieriese Gazprom hat die Gaslieferungen nach Deutschland über die Ostseepipeline Nord Stream 1 dramatisch reduziert. Nur noch 60 Prozent der üblichen Gasmenge fliesst über die Pipeline nach Deutschland. In Zahlen ausgedrückt: das Tagesvolumen von 167 Millionen Kubikmeter Gas ist auf 67 Millionen Kubikmeter pro Tag gedrosselt worden. Zur Relation: Deutschland verbraucht an einem durchschnittlichen Tag etwa 230 Millionen Kubikmeter Gas.

Der russische Präsident Wladimir Putin: Versucht er, Europa mit Erdgas zu erpressen?

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Vor allem mit Blick auf den kommenden Herbst und Winter macht sich in der deutschen Wirtschaft Nervosität breit. Die Gasspeicher sind derzeit mit 56 Prozent gefüllt, der Gasverbrauch ist im Sommer deutlich tiefer als in der kalten Jahreszeit. Doch Wirtschaftsminister Robert Habeck warnt:

«Wir können nicht mit 56 Prozent Speicher in den Winter gehen. Da müssen die voll sein. Sonst sind wir wirklich offen.»

Gazprom begründet die Drosselung mit Verzögerungen bei Reparaturarbeiten an Gas-Kompressoren durch die Firma Siemens. Die Turbinen müssen in Kanada instand gestellt werden. Russland macht die internationalen Sanktionen für die Verzögerung verantwortlich. Russlands EU-Botschafter Wladimir Tschischow hält für möglich, dass die komplette Gaslieferung über Nord Stream 1 eingestellt wird. Er höhnte: «Ich denke, das wäre eine Katastrophe für Deutschland.»

Für die deutsche Regierung sind die Begründungen aus Moskau vorgeschoben. Habeck sagte:

«Wir dürfen uns keine Illusionen machen, dass wir uns in einer Machtprobe mit Putin befinden.»

Putin wolle die Gaspreise in die Höhe treiben - um die Gesellschaft in Deutschland, in der EU insgesamt, zu spalten. Schon jetzt sind die Preise für Erdgas um 37 Prozent (Mai) gestiegen. Der Ökonom Tom Krebs zeichnet im «Handelsblatt» ein düsteres Szenario, sollte kein russisches Gas mehr nach Deutschland fliessen. Innerhalb des ersten Jahres drohte die deutsche Wirtschaftsleistung um bis zu zwölf Prozent einzubrechen - ein Schaden von fast einer halben Billion Euro.

Machtspiel: Alexei Borissowitsch Miller, Vorstandsvorsitzender des russischen Energieriesen Gazprom, drosselt die Gaslieferung nach Deutschland. Auf dem Bild diskutiert er am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg am Donnerstag dieser Woche.

Machtspiel: Alexei Borissowitsch Miller, Vorstandsvorsitzender des russischen Energieriesen Gazprom, drosselt die Gaslieferung nach Deutschland. Auf dem Bild diskutiert er am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg am Donnerstag dieser Woche.

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Deutschland bezieht einen Grossteil seines Gases über die Ostseepipeline Nord Stream 1 aus Russland. Vor dem Krieg lag der Anteil russischer Gaslieferungen bei 55 Prozent, inzwischen konnte die Abhängigkeit auf 35 Prozent heruntergefahren werden. Doch nach wie vor ist Deutschland von Gas aus Russland abhängig. «Wir müssen zwingend die Speicher füllen, um den Winter zu überstehen - auch mit russischem Gas», mahnt der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller.

«Russland will Deutschland erpressbar halten», sagt Sergiy Makogon vom ukrainischen Gastransportnetzbetreiber GTSOU dem «Handelsblatt.» Er fügt hinzu: «Wahrscheinlich um zu verhindern, dass Deutschland in seiner Unterstützung für die Ukraine aktiver wird.»

Deutschland dürfte für die hohe Abhängigkeit von russischem Gas in der kälteren Jahreszeit einen hohen Preis zu bezahlen haben - in jeglicher Hinsicht. Habeck schwört die Deutschen schon jetzt auf Energiesparmassnahmen ein - «zur Not auch gesetzlich.» Denn das russische Machtspiel sei nicht zu Ende. «Es fängt vielleicht gerade erst an.» Ausgerechnet der Grünen-Politiker spielt mit dem Gedanken, Gas im Winter notfalls durch Kohle zu ersetzen.

Wie delikat die Lage ist, zeigt sich an der Debatte über das Heizen in Mietwohnungen im Herbst und Winter. Der Bundesverband der Immobilienunternehmen fordert ein Absenken der gesetzlichen Mindesttemperatur in Wohnungen von 20 Grad auf eine Untergrenze von 18 Grad tagsüber und 16 Grad nachts. Ähnliche Töne schlägt der Deutsche Städte- und Gemeindebund an. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg:

«Auch eine Wohnung mit 18 oder 19 Grad kann noch gut bewohnt werden, und dieses vergleichsweise kleine Opfer sollten alle mittragen können.»

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) hält dagegen: «Gesetzlich verordnetes Frieren halte ich für unsinnig.»

Wirtschaftsminister Robert Habeck hat sich zur Heizdebatte nicht konkret geäussert. Er mahnt zur Besonnenheit. «Wir dürfen uns nicht spalten lassen. Denn das ist, was Putin vorhat.»