Corona-Krise
Der weiche Lockdown gilt als gescheitert: So wirken Corona-Massnahmen in Schweden und Deutschland

Angela Merkel glaubt, nur ein harter Lockdown zähmt Corona. Wie andere Länder ihre Zahlen runter gebracht haben – oder auch nicht.

Niels Anner, Stefan Brändle, Remo Hess, Fabian Hock, Christoph Reichmuth, Renzo Ruf
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Emotional wie selten: Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag.

Emotional wie selten: Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag.

DPA/Keystone (Berlin. 9. Dezember 2020

Selten war die deutsche Kanzlerin bei Auftritten emotionaler als an diesem Mittwoch im Bundestag. Als sie auf die vielen Glühweinstände in den Innenstädten zu sprechen kam, die ihrer Meinung nach dringend geschlossen werden müssten, meinte Merkel, sie wisse, «wie viel Liebe dahinter steckt». Aber es sei an der Zeit, Kontakte auf das Minimum zu beschränken.

Dass sich derzeit Hunderte vor solchen improvisierten Ständen zusammenfinden, hält Merkel für falsch. «Es tut mir wirklich im Herzen leid», sagte die 66-Jährige und ballte ihre Faust. «Aber wenn wir dafür den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen von am Tag 590 Menschen haben, dann ist das nicht akzeptabel aus meiner Sicht.»

Es war ein flammendes, fast flehendes Plädoyer der Kanzlerin für eine nationale Kraftanstrengung, um die Coronazahlen vor Weihnachten und in diesem so grauen Coronawinter doch noch zu drücken. Mit fast 21'000 Neuinfektionen und 590 Todesfällen innerhalb von 24 Stunden registrierte das Robert Koch-Institut am Mittwoch einen traurigen Höchststand.

Der weiche Lockdown gilt als gescheitert

Die Zahlen wollen nicht sinken. Die seit fast sechs Wochen angewandte Strategie des weichen Lockdowns mit geschlossener Gastronomie, Kultur- und Sportstätten bringt nicht die erhoffte Wende und wird in immer weiteren Kreisen als gescheitert angesehen. Bereits haben von der Pandemie besonders stark betroffene Bundesländer wie Sachsen und Bayern die Massnahmen verschärft.

Merkel und andere Spitzenpolitiker drängen mit zunehmender Vehemenz auf einen für das gesamte Land geltenden, harten Lockdown in den Tagen nach dem Weihnachtsfest bis mindestens zum 10. Januar des nächsten Jahres.

Mit ihrem sanften Lockdown haben die Deutschen die Zahlen nicht heruntergebracht. Wie ergeht es anderen Ländern? Welche Massnahmen helfen?

1. Schweden

Auf die zweite Welle wurde mit verschärften Empfehlungen reagiert: Es wird vom Besuch in Museen, Einkaufszentren und vom Benutzen des öffentlichen Verkehrs abgeraten. Zudem sind Veranstaltungen mit mehr als acht Personen und Alkoholausschank nach 22 Uhr verboten sowie Schulen ab der 10. Klasse geschlossen. Trotz der Massnahmen steigen die Zahlen: Die Infektionen langsam, die Todeszahlen deutlich und die Auslastung der Spitäler rasch. Die Regierung hat nun den Entwurf eines Pandemie-Gesetzes vorgelegt, um Schliessungen verfügen zu können, wie dies andere Länder längst tun.

2. Dänemark

Die Dänen hatten lange wenige Ansteckungen und gemässigte Restriktionen. Das Land setzte auf massenweise Tests sowie Empfehlungen, soziale Kontakte zu beschränken. Die Infektionen legten aber zuletzt merklich zu, worauf die Regierung diese Woche einen Lockdown in den Städten verfügte: Schulen ab der 5. Klasse, Kultur- und Sporteinrichtungen sowie Gastronomie wurden geschlossen.

3. USA

Zwei Wochen nach dem Erntedankfest wächst die zweite Coronawelle immer höher. Mehr als 200000 Menschen infizieren sich täglich mit dem Virus; und am Dienstag starben gegen 2600 Amerikanerinnen und Amerikaner an den Folgen von Covid-19. Ein Grund für diesen Trend: Viele Amerikaner sind nicht bereit, auf Treffen mit Freunden oder Verwandten zu verzichten. Die Regierung von Präsident Donald Trump wiederum ist nicht gewillt, einheitliche Gegenmassnahmen zu ergreifen. Die Gouverneure der 50 Bundesstaaten wiederum reagieren mit einem Flickteppich: In Kalifornien verfügte der demokratische Regierungschef einen neuen regionalen Lockdown. In South Dakota hingegen weigert sich die republikanische Gouverneurin, eine Maskenpflicht zu verhängen.

4. Österreich

Kaum etwas schien zu greifen in Österreich in diesem Herbst. Ein weicher Lockdown hatte sich praktisch gar nicht in den Zahlen niedergeschlagen. Und so folgte auf den weichen schliesslich ein harter Lockdown inklusive Schliessung des Handels – und die Zahlen die sanken. Damit dürften sich vor allem zwei Massnahmen als wirksam erwiesen haben: Die Schliessung der Gastronomie sowie des Handels – vor allem grosser Einkaufszentren. Als wenig glaubwürdig erwiesen hat sich hingegen die Ausgangsbeschränkung: Denn kaum etwas hat die Österreicher in der jüngeren Vergangenheit mehr motiviert ausser Haus in die Natur zu gehen, als eben diese Massnahme.

5. Frankreich

Paris hat aus dem harten Lockdown im Frühjahr Lehren gezogen. Schulen und Kindergärten bleiben jetzt offen. Den Skeptikern zum Trotz hat dies die Neuinfektionen nicht explodieren lassen. Die Regierung lässt die Läden bis 21 Uhr offen. Hart für die Kultur- und Gastronomienation war die Schliessung der Restaurants und Bistros sowie der Kinos und Theater. Aber Restaurants gelten als wichtige Spreader. Und die Massnahme wirkt. Die Neuinfektionen sind seit Oktober von 40000 auf 10000 zurückgegangen.

6. Belgien

Die Politik reagierte auf die zweite Welle mit regional beschränkten Massnahmen und Betrieb von Restaurants und Bars bis 23 Uhr. Weil die Zahlen aber weiter stiegen, wurde im Oktober die Gastronomie im ganzen Land dichtgemacht. Zehn Tage später hatten die Infektionen mit 22000 Fällen pro Tag ihren Höchststand erreicht. Das Gesundheitssystem drohte zu kollabieren, weswegen am 30. Oktober der Lockdown verhängt wurde: Schulen und Läden mussten zumachen, ebenfalls alle Freizeiteinrichtungen. Die Zahlen sanken auf knapp über 2000 Infektionen pro Tag. Am 1. Dezember konnten die Geschäfte für den Weihnachtsverkauf wieder aufmachen. Daraufhin sah man wieder einen leichten Anstieg der Werte.