USA
Das Versagen der Sicherheitskräfte: Wie der Mob ins Kapitol eindringen konnte

Nach dem Sturm auf das Parlamentsgebäude in Washington stellt sich die Frage: Wo war eigentlich die Polizei? Die Antwort: Sie sass einer grandiosen Fehleinschätzung auf.

Fabian Hock
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Ganze vier Stunden hat es gedauert, bis die Sicherheitskräfte die Lage am und vor allem im Parlamentsgebäude in Washington unter Kontrolle hatten. Unterstützer des abgewählten Präsidenten Donald Trump hatten sich zuvor in dem historischen Gebäude nach belieben austoben können.

Sie zerstörten Fensterscheiben und drangen in das Büro der Präsidentin des Repräsentantenhauses ein. Einer klaute gar das Rednerpult. Ein anderer Aufrührer spazierte mit der Konföderierten-Flagge durch die Gänge – noch nie, nichtmal während des amerikanischen Bürgerkriegs in den 1860er Jahren, war dieses Symbol der Sklaverei im Kapitol zu sehen. Erstmals seit dem Sturm der Briten auf Washington 1814 wurde die Souveränität des US-Parlamentsgebäudes verletzt.

Als die Meute eindrang, wurden die Kongressabgeordneten in Sicherheit gebracht.
28 Bilder
Die Proteste aufgebrachter Anhänger des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump in der Hauptstadt Washington sind am Mittwoch ausgeartet ...
... und haben für Chaos und Gewalt im politischen Zentrum der USA gesorgt.
Nach einer einheizenden Rede des Republikaners marschierten Trump-Unterstützer vor dem Kapitol auf, ...
... um gegen die Zertifizierung der Präsidentschaftswahlergebnisse zu protestieren.
Bei dem Ansturm auf das Kongressgebäude drangen Demonstranten ins Innere des Kapitols ein.
Die Meute wütete im Innern des Kapitols.
Die beiden Kongresskammern mussten ihre Sitzungen abrupt unterbrechen, die Parlamentssäle wurden geräumt.
Ein Trump-Anhänger liess sich im Büro von Nancy Pelosi fotografieren.
Joe Biden trat am Abend live vor die Kameras: «Ich rufe Donald Trump dazu auf, jetzt im Fernsehen aufzutreten und die Verfassung zu verteidigen und das Ende dieses Ansturms auf das Kapitol zu verlangen.»
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
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Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
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Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
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Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Aufräumarbeiten nach dem Sturm.
Zerschlagene Scheiben: Die Demonstranten hatten sich gewaltsam Zutritt zum Kapitol verschafft.

Als die Meute eindrang, wurden die Kongressabgeordneten in Sicherheit gebracht.

AP

Man wusste, dass sich etwas zusammenbraut

Vier Menschen starben am Mittwoch im Zuge der Randale. Von Sicherheitsdienst, Polizei oder Nationalgarde war lange nichts zu sehen. Dabei war der Protest alles andere als spontan. Trump trommelte bereits Tage zuvor auf Twitter für den Aufmarsch. Am Mittwoch schickte er seine Anhänger dann persönlich in Richtung Kapitol. Warum warteten dort nicht Hundertschaften auf die Demonstranten, wie etwa im Sommer, als die Black-Lives-Matter-Bewegung durch Washington zog?

Den Eindringlingen stellten sich am Kapitol Anfangs nur einzelne Sicherheitskräfte entgegen. Später gar keine mehr. Auf Videos in den sozialen Medien ist zu sehen, wie an Zugängen jeweils eine Handvoll Sicherheitsleute von den Krawallmachern einfach überrannt wird. Dabei verfügt das Kongressgebäude über eine eigene, 2000 Mann starke Polizeieinheit.

Die Fehleinschätzung der Kapitol-Polizei

Die Kapitol-Polizei hatte die Bedrohungslage offensichtlich dramatisch unterschätzt. Man hatte sich zwar auf Protest, aber nicht auf eine Attacke vorbereitet, erklärten anonyme Offizielle in US-Medien. Als die Lage bedrohlicher wurde, war zudem ein Teil der Kapitol-Polizei damit beschäftigt, die Abgeordneten in Sicherheit zu bringen. Der ehemalige Chef der Einheit, Kim Dine, sagte der «Washington Post», er habe keine Ahnung, wie das alles passieren konnte.

Sicherten während den George-Floyd-Protesten im Sommer Nationalgardisten in Vollmontur die Hauptstadt, war das Kapitol am Mittwoch nur minimal gesichert. Offenbar, so lässt sich aus mehreren Aussagen von anonymen Quellen aus dem Sicherheitsapparat in US-Medien ableiten, wollte man Bilder wie damals unbedingt verhindern.

Die Verkettung von Fehleinschätzungen lief in etwa so: Die Kapitol-Polizei versicherte der Stadtpolizei von Washington, sie habe die Lage im Griff. Die bedrohlichen Bilder von den Black-Lives-Matter-Protesten im Kopf, agierten Politik und Sicherheitsapparat sehr zurückhaltend. Washingtons Stadtpräsidentin Muriel Bowser wies laut «Washington Post» das Justizministerium an, keine Sicherheitskräfte von aussen in die Stadt zu schicken. Das Militär hielt sich nach Kritik an der Präsenz im Sommer zurück.

Das Pentagon reagierte erst gar nicht auf eine Anfrage

Verstärkung wurde erst angefordert, als die Meute bereits im und auf dem Herzen der amerikanischen Demokratie trampelte. Als die Kapitol-Polizei ihre Überforderung eingesehen hatte, soll sie endlich um Unterstützung bei der Stadtpolizei gebeten haben. Brisant: Eine Anfrage im Pentagon für 200 Nationalgardisten blieb laut «Washington Post» zunächst einfach unbeantwortet. Eine ganze Stunde später wurde die gesamte Nationalgarde von Washington D.C. aktiviert. Insgesamt sollen am Mittwoch nur rund 50 Personen verhaftet worden sein.

In weniger als zwei Wochen wird Joe Biden in Washington vereidigt. Welche Konsequenzen bis dahin seitens der zuständigen Behörden gezogen werden, ist heute noch ungewiss. Kaum vorstellbar, dass sich die Fehleinschätzungen wiederholen. Der demokratische Abgeordnete Tim Ryan kündigte derweil schon einmal Konsequenzen an: Es sei «recht klar, dass es einige Leute geben wird, die sehr sehr bald ohne Job dastehen werden».