Covid-Krise
Die dritte Coronawelle überschwemmt Afrika – jetzt soll ein eigener Impfstoff helfen

Ärzte in Johannesburg warnen angesichts überlasteter Spitäler vor einer «humanitären Katastrophe». Die Pläne für ein afrikanisches Vakzin laufen derweil auf Hochtouren.

Markus Schönherr aus Kapstadt
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«Wir wollen ein Vakzin»: Menschen demonstrieren in Südafrika für eine faire Impfstoff-Verteilung.

«Wir wollen ein Vakzin»: Menschen demonstrieren in Südafrika für eine faire Impfstoff-Verteilung.

Bild: D. Vivier/Getty (Pretoria, 25. Juni 2021)

Afrika ist im Vergleich zu anderen Kontinenten bisher glimpflich durch die Coronapandemie gekommen. Nun zeichnet sich allerdings ein anderes Problem immer deutlicher ab: Die Gesundheitskrise droht aufgrund der langsamen Immunisierung verschleppt zu werden. Bisher sind gerade einmal zwei Prozent der afrikanischen Bevölkerung geimpft. Und seit Wochen steigen die Zahlen der täglichen Neuinfektionen am Kontinent rasant an.

Warnt vor der dritten Welle: Matshidiso Moeti

Warnt vor der dritten Welle: Matshidiso Moeti

Keystone/
Salvatore Di Nolfi

«Die dritte Welle legt an Geschwindigkeit zu, breitet sich schneller aus, schlägt härter zu», sagte am Donnerstag die Afrika-Direktorin der WHO, Matshidiso Moeti. Der jüngste Anstieg drohe, der bisher tödlichste am Kontinent zu werden. Verantwortlich dafür sei ein Zusammenspiel aus Ermüdung, wenn es zu Händewaschen und Tragen von Masken kommt, vermehrte soziale Interaktion und die Ausbreitung von Virenvarianten am Kontinent.

In 14 afrikanischen Ländern konnte bisher die Delta-Variante nachgewiesen werden; in Uganda und der Demokratischen Republik Kongo war sie im letzten Monat für den Grossteil der Neuinfektionen verantwortlich.

Tiefe Temperaturen begünstigen Verbreitung

Im südlichen Afrika herrscht Winter. Mit Morgentemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt erlebte das Coronavirus zuletzt ein steiles Comeback. Vergangenen Freitag verzeichnete Südafrika mehr als 18'000 Neuinfektionen – und damit den höchsten Tageswert seit einem halben Jahr. Das neue Coronazentrum ist die Provinz Gauteng (Johannesburg, Pretoria), die etwa zwei Drittel der Neuinfektionen verbucht. Ärzte warnten diese Woche vor einer «humanitären Katastrophe»: Die Spitäler der regionalen Wirtschaftshochburg seien ausgelastet und auch Sauerstoff werde immer knapper.

Unterdessen herrscht Sorge über Afrikas Impfkampagnen. Während Simbabwe seine Bevölkerung durchimpft und dank chinesischer Impfstoffe ab sofort auch «Impf-Touristen» die Chance auf einen Stich gibt, sieht es am restlichen Kontinent schlecht aus: Gerade einmal zwei Prozent der 1,3 Milliarden Bewohner sind bislang gegen Covid-19 immunisiert.

Regelmässig prangerte die WHO in den vergangenen Wochen an, dass mitteleuropäische Länder beginnen, Kinder und Jugendliche zu impfen, während in Afrika weder Alte noch Risikogruppen geimpft seien. Laut der UNO-Organisation dürften etwa 90 Prozent der 54 afrikanischen Staaten ihr kurzfristiges Impf-Ziel verfehlen. Dieses sah vor, bis September zehn Prozent der Bevölkerung zu impfen.

Diplomatin Moeti warnt:

«Afrika kann den Effekt der ansteigenden Infektionen noch abschwächen, aber das Zeitfenster dafür schliesst sich.»

Letzte Woche hatte eine Koalition aus 28 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) an reiche Länder appelliert, den Ländern des südlichen Afrikas mit Vakzinen auszuhelfen. «Der Mangel an Impfstoff in einer Region mit so hohen Raten an Armut und Ungleichheit lässt viele Menschen mit dem Gefühl zurück, sie warten bloss darauf zu sterben», sagte Deprose Muchena von Amnesty International.

Ein afrikanisches Vakzin im nächsten Jahr?

Beim G7-Gipfel vor drei Wochen hatten die wichtigsten Industrienationen eine Milliarde Impfdosen über das kommende Jahr für Entwicklungsländer zugesagt. Wolfgang Preiser, Virologe an der südafrikanischen Universität Stellenbosch, sprach von einer «guten Entwicklung». Allerdings:

«Was die dritte Welle hier anbelangt, fürchte ich, das kommt zu spät.»

Um weiteren Ausbrüchen künftig nicht mehr schutzlos ausgeliefert zu sein, setzt Afrika nun auf die eigene Impfstoffproduktion. Gemeinsam mit der WHO und Frankreichs Präsident Macron kündigte der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa die Schaffung eines «Zentrums für Technologietransfer» für mRNA-Impfstoffe an.

Erste Ergebnisse - und möglicherweise der erste afrikanische Impfstoff - werden in etwa einem Jahr erwartet. Ähnliche Pläne gibt es im Senegal und in Ruanda. «Wir haben die Technologie bereits mit Geldgebern besprochen und in wenigen Monaten sollte sich das Blatt wenden», so Ruandas Präsident Paul Kagame.

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