Coronapandemie
Kampf den Mutanten: Das Virus könnte Südafrika noch lange nach der dritten Welle bedrohen

Neun von zehn Neuansteckungen gehen in Südafrika inzwischen auf das mutierte Virus zurück. Das könnte auch der Schweiz drohen.

Markus Schönherr, Kapstadt und Samuel Schumacher
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Mit Kerzen gegen Covid: Südafrikanerinnen gedenken in Johannesburg den Coronaopfern. Kein Land in Afrika ist offiziell stärker betroffen von der Pandemie.

Mit Kerzen gegen Covid: Südafrikanerinnen gedenken in Johannesburg den Coronaopfern. Kein Land in Afrika ist offiziell stärker betroffen von der Pandemie.

EPA

Der Hammer für Südafrika kam Anfang Woche: Das Land, das von allen Staaten des Kontinents am stärksten von der Pandemie betroffen ist, hat seine Impfkampagne vorübergehend ausgesetzt. Grund dafür waren neue Erkenntnisse, wonach der Impfstoff des Herstellers AstraZeneca nur minimal gegen die südafrikanische Mutation des Coronavirus schütze. Das Problem: Nur Tage zuvor waren eine Million Dosen des Serums in Johannesburg gelandet. Weitere 500'000 hat die Regierung bereits bezahlt.

Die 58-Millionen-Nation Südafrika verzeichnete bisher knapp 1,5 Millionen Infizierte – weit mehr als seine Nachbarn. Seit kurzem ist das Land über die zweite Coronawelle hinweg. Restriktionen wie die nächtliche Ausgangssperre und ein grundsätzliches Alkoholverbot wurden gelockert. Allerdings warnen Experten bereits vor einer dritten Welle, die das Virus 501Y.V2 (so der wissenschaftliche Name der südafrikanischen Mutation) auslösen könnte. Sie ist inzwischen für 90 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich. Die Mutation ist erstmals im November nachgewiesen worden. Mittlerweile tauchte sie in mehr als 30 Ländern auf – auch in der Schweiz.

Laut dem Bundesamt für Gesundheit gehen hierzulande bislang knapp 4500 Coronafälle auf mutierte Viren zurück. Die Ansteckung mit den neuen Coronavarianten hat seit vergangener Woche um rund 60 Prozent zugenommen. Die Coronataskforce des Bundes warnt davor, dass man die Ansteckungen mit den neuartigen Viren bislang nicht habe reduzieren können. Bei rund jeder dritten Neuansteckung wird in der Schweiz aktuell eine mutierte Virenform festgestellt.

Bleibt der Krüger Nationalpark menschenleer?

Was in Südafrika bereits Realität ist – fast nur noch mutierte Viren, mögliche dritte Welle -, droht daher auch der Schweiz. Nebst der südafrikanischen Mutation sind hierzulande auch die britische und Anfang Woche die brasilianische Mutation nachgewiesen worden. Der Impfstoff von AstraZeneca, den Südafrika wegen seiner geringen Wirkung gegen die mutierten Viren nicht mehr einsetzt, ist in der Schweiz bislang nicht zugelassen.

Für Südafrika stellt sich jetzt die Frage: Was tun mit dem angekauften Impfstoff? Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, ihn dennoch an die Bevölkerung zu verabreichen. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass der AstraZeneca-Wirkstoff trotz allem vor Hospitalisierung und Tod bewahre. Südafrikas Regierung aber möchte die angehäuften Dosen möglichst rasch loswerden. Gesundheitsminister Zweli Mkhize gab bekannt, bereits Kaufangebote von anderen Staaten erhalten zu haben. Die Zeit drängt, das Haltbarkeitsdatum des gekauften Impfstoffs läuft bereits im April aus.

Doch das Impfdebakel ist nicht Südafrikas einziges Problem. Das Land, das rund acht Prozent seiner Einnahmen indirekt mit dem Tourismus verdient, fürchtet wegen der hier entsprungenen Mutation um seinen guten Ruf. Touristen kommen derzeit kaum noch ins Land. Und wegen dem schlechten Licht, das die «Südafrika Mutation» jetzt auf das Land wirft, befürchten die lokalen Behörden, dass touristische Highlights wie der Krüger Nationalpark, der Tafelberg, die einstige Gefängnisinsel Robben Island oder die sogenannte Gartenstrasse wegen der Angst der Reisenden vor den virologischen Mutanten noch lange fernbleiben werden.

Namensgebung gefährlich für die Forschung

Die Angst ist durchaus berechtigt. Nach der Entdeckung von 501Y.V2 setzten zahlreiche Staaten erneut Flüge von und nach Südafrika aus. Die Schweiz verhängte im Dezember eine Einreisesperre für alle Südafrikaner.

Der Medizin-Ethiker Kevin Behrens fordert deshalb, dass Virusmutationen grundsätzlich nicht mehr mit dem Namen ihres Ursprungsortes benannt werden sollen.

«Eine Variante nach dem Entdeckungsland zu benennen, birgt die Gefahr von ungerechter Stigmatisierung.»

Auch die Pharmakologin Neelaveni Padayachee warnt vor «geopolitischen» Folgen dieser Namensgebung: Südafrikas Forscher hätten als erste eine Variante identifiziert, die womöglich gar nicht ihren Ursprung in dem Land hatte. «Ein Land aufgrund einer neuen Virenvariante zu brandmarken, könnte dazu führen, dass andere Länder im Fall einer weiteren Entdeckung intransparent agieren.»

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