Coronapandemie
Belgien droht der Kollaps: Reportage aus der Intensivstation in Europas Virus-Hotspot Nummer 1

Im belgischen Lüttich haben die Spitäler ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Jetzt bangt man vor harten Entscheidungen über Leben und Tod. Zu Besuch auf der Intensivstation am «MontLégia»-Spital.

Remo Hess aus Lüttich
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Wer transportfähig ist, wird verlegt. Doch es fehlt an auch an Ambulanzfahrzeugen, die Patienten mit Beatmungshilfen aufnehmen können.

Wer transportfähig ist, wird verlegt. Doch es fehlt an auch an Ambulanzfahrzeugen, die Patienten mit Beatmungshilfen aufnehmen können.

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Ruhig wie an einem Sonntagmorgen liegt sie da, Lüttich, die ehemalige Industriestadt im Osten Belgiens. Die Geschäfte sind geschlossen, kaum Verkehr auf den Strassen, nur vereinzelt sind Menschen unterwegs. Bloss: Es ist nicht Sonntagmorgen, sondern Dienstag. Und die Stadt ist auch nicht sonntäglich-ruhig, sondern im behördlich verhängten Ausnahmezustand.

Der Grund: Nirgends in Europa sind die Coronazahlen so hoch wie in Belgien und nirgends in Belgien ist die Situation so akut wie in der Provinz Lüttich. Zum Vergleich: Dreimal mehr Menschen stecken sich hier mit dem Coronavirus an als in der Schweiz, wo die Infektionszahlen in den letzten Tagen ebenfalls stark angestiegen sind. In den vergangenen zwei Wochen waren es über 3300 Infektionen auf 100'000 Bürger. Das ist europäischer Spitzenwert.

Ab 22 Uhr gilt die allgemeine Ausgangssperre: Lütticher Bürger am Bahnhof.

Ab 22 Uhr gilt die allgemeine Ausgangssperre: Lütticher Bürger am Bahnhof.

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Ein permanentes Jonglieren mit Behandlungsplätzen

Mit den Fallzahlen steigen auch die Krankenhauseinlieferungen. Jetzt sind die Kapazitätsgrenzen erreicht: «Wir sind komplett voll und wissen nicht mehr wohin mit den Leuten», klagt Philippe Devos, stellvertretender Leiter der Intensivstation am «MontLégia»-Spital in Lüttich. Die 62 Intensivbetten sind alle belegt und trotzdem werden täglich neue Patienten in kritischem Zustand angeliefert. Dass bis jetzt niemand abgewiesen werden musste, liegt allein daran, dass transportfähige Patienten umgehend weiterverlegt werden. In Nachbarregionen in der französischsprachigen Wallonie, ins niederländisch sprechende Flandern oder mit dem Helikopter über die Grenze nach Deutschland.

Philippe Devos, stellvertretender Leiter der Intensivstation am "MontLegia"-Spital in Lüttich.

Philippe Devos, stellvertretender Leiter der Intensivstation am "MontLegia"-Spital in Lüttich.

zvg

Es ist ein permanentes Jonglieren mit Behandlungsplätzen: Zehn kommen rein, zehn gehen raus. Einen Puffer gibt es keinen mehr. «Wir laufen auf dem letzten Zacken», so Devos. Erschwerend sei, dass es an Ambulanzfahrzeugen mangle, die intubierte Patienten transportieren können. Und zu alledem gibt es Fälle, wo sich Familienangehörige mit Händen und Füssen gegen eine Verlegung in eine andere Region wehren.

Die zentrale Frage aber lautet: Wann sind die Kapazitäten auch in den anderen Spitäler ausgereizt? Während sich die Infektionsrate nach den Lockdown-Massnahmen langsam stabilisiert, hinken die Hospitalisierungen noch hinterher. Schon in wenigen Tagen könnte das drohen, vor dem sich hier alle fürchten: Eine Triage unter den Patienten und die Entscheidung über Leben und Tod. Welcher Covid-Patient geniesst Priorität? Was geschieht mit dem 20-jährigen Opfer eines Autounfalls oder einem 40-Jährigen mit einem Herzinfarkt, wenn alle Betten belegt sind? Am Montag hat die Spitalleitung Richtlinien als Entscheidungshilfen festgelegt. Ob er sie bald anwenden muss, kann und mag Devos nicht mehr abschätzen:

Wir schlagen uns hier einfach von Tag zu Tag durch».

Belgien hat ein gut ausgebautes Gesundheitssystem und die Klinik MontLégia ist eines der modernsten Spitäler im Land. Im März dieses Jahres eröffnet gibt es im Normalfall 48 Intensivbetten. Nun wurden 14 zusätzliche geschaffen, indem der für nach Operationen vorgesehen Aufwachsaal kurzfristig zur Intensivstation umfunktioniert wurde. Hier reihen sich Patienten an Patienten, manche in der Bauchlage, manche in der Rückenlage. 95 Prozent sind zwischen 55 und 75 Jahre alt. Alles sind sie intubiert. Es ist merkwürdig still, nur das Piepsen der Beatmungsmaschinen ist zu hören.

Im Aufwachsaal wurden kurzfristig 14 Intensivplätze geschaffen.

Im Aufwachsaal wurden kurzfristig 14 Intensivplätze geschaffen.

RH

Rund 30 Prozent der Patienten würden die Intensivstation nicht lebend verlassen, sagt Devos. Trotz ihrer Ausbildung sei die hohe Sterberate eine grosse Belastung für die Pflegerinnen und Pfleger. Praktisch täglich hätten sie es mit Todesfällen zu tun. Psychologen versuchen, das Personal so gut wie möglich aufzufangen. Aber alle laufen am Limit.

Viele Krankenpfleger sind schon ausgefallen, sei es aus Erschöpfung noch von der ersten Welle, die in Belgien über 10'000 Tote gefordert hat. Oder, weil sie sich selbst mit Corona angesteckt haben, wie auch Devos im vergangenen März . Damals musste er 20 Tage lang zuhause bleiben, kämpfte mit Atemnot und extremer Müdigkeit. Wem es besser ergeht und einen asymptomatischen Krankheitsverlauf erfährt kommt trotzdem zur Arbeit. Mehr als fünf Prozent des anwesenden Personals sei zurzeit infiziert. «Ohne sie würden wir es nicht schaffen», sagt Devos.

Mit der Aussicht, dass es noch Monate so weitergehen dürfte, wisse er aber nicht, wie sie durchhalten sollen. Medizinstudenten und andere Personen mit einer Pflegeausbildung wurden zwar schon mobilisiert. Personal, das dem hochspezialisierten Anforderungsprofil der Intensivmedizin genügt, lässt sich auf die Schnelle aber nicht finden. Früher oder später müsse wohl Personal aus dem Ausland angefordert werden, wie im Frühling in Italien.

Viele Pflegerinnen und Pfleger haben sich noch nicht von den Anstrengungen der 1. Welle erholt. Bild: Krankenhauspersonal bei einer Pause (April 2020)

Viele Pflegerinnen und Pfleger haben sich noch nicht von den Anstrengungen der 1. Welle erholt. Bild: Krankenhauspersonal bei einer Pause (April 2020)

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Der Personal-Notstand ist auch der Politik bekannt. Vor einigen Tagen war der belgische Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke zu Besuch. Den Tränen nahe und mit belegter Stimme musste er eingestehen, wie machtlos er sich angesichts der prekären Situation des Personals fühlt, das seit Wochen durcharbeitet, oft ganze Schichten lang, ohne die Möglichkeit, auch nur auf Toilette zu gehen.

Das Einzige was ihm blieb, war die Aufforderung, dass sich nun wirklich jeder und jede ohne Abstriche an die verschärften Corona-Regeln halten müsse. «Wir stehen mit dem Rücken zur Wand», so der Minister. Tatsächlich werden die nächsten Tage zeigen, ob es hier zu ähnlichen Dramen kommt, wie im Frühling in der Lombardei. Vom «Bergamo an der Maas» schreiben die belgischen Zeitungen schon jetzt.

Warum gerade Lüttich zu solch einem Covid19-Epizentrum geworden ist, darüber kann Intensivmediziner Devos nur spekulieren. Eventuell liege es am Ausgehverhalten der 20'000 Studenten in der Stadt. Oder an der allgemeinen Coronamüdigkeit nach dem ersten Lockdown, der in Belgien schon besonders streng war und über zwei Monate dauerte. Als Bürger könne er den Ärger über die Beschränkung des sozialen Lebens zwar nachvollziehen, sagt Devos. Als Mediziner gebe es für ihn aber nur zwei Optionen: Entweder man halte sich jetzt strikt an die Lock-Down-Massnahmen. Oder man entscheide sich für die Triage, also die bewusste Wahl, Patienten sterben zu lassen.