Libanon
Beiruts Apokalypse: «Der Zusammenbruch des Staates scheint nahe»

Die gewaltige Explosion in Beirut ist ein Schlag ins Gesicht einer gebeutelten Nation. Das Land darbt schon länger – doch jetzt vertraut der Machtelite kaum noch jemand. Guardian-Korrespondent Martin Chulov befürchtet gar den Zusammenbruch.

adi
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Kurz vor 18 Uhr (Lokalzeit) hörte man in der Umgebung von Beiruts Hafen mehrere Explosionen.
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Die Detonationen ereigneten sich in der Gegend des Hafens. Bei der Explosion hatte sich eine riesige Pilzwolke am Himmel gebildet.
Im vor 20 Jahren sanierten Stadtzentrum von Beirut, das östlich des Hafens liegt, wurden durch herumfliegende Glas - und Metallsplitte zahlreiche Personenwagen schwer beschädigt.
Die Druckwelle der Explosion beschädigte die Schweizer Botschaft schwer. Die Botschafterin und ein Mitarbeiter wurden dabei leicht verletzt. Bild: EDA
Auf Videofilmen und Bildern sieht man Passanten, die mit blutendem Gesicht und Kopfwunden.
Die Zahl der Verletzten wird mit mindestens 4000 angegeben.
Beiruter Fernsehsender und das Gesundheitsministerium meldeten nach Sonnenuntergang mindestens 78 Tote.
Bereits am Mittwochmorgen gaben die Behörden an, dass es wohl mindestens 100 Todesopfer seien.
Hunderte werden in den Trümmern noch vermisst.
Wegen der grossen Zerstörung seien bis zu 250'000 Menschen obdachlos.
Während der Löscharbeiten seien 10 Feuerwehrleute gestorben.
Grosse Teile des Stadtzentrums sind zerstörst, unzählige Häuser wurden stark beschädigt.
Auch Autos und Strassen wurden durch die Detonation beschädigt.
Der hafen, wo sich die Explosion ereignete, wurde komplett vernichtet.
Die Hintergründe der Explosionen blieben zunächst unklar. Ausgelöst haben könnte die schwere Explosion eine sehr grosse Menge Ammoniumnitrat.
Schätzungsweise 2750 Tonnen der gefährlichen Substanz seien jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen von Beirut gelagert worden.
Bei der Detonation wurden auch mehrere Krankenhäuser stark beschädigt.
Die verbleibenden Spitäler gerieten an ihre Kapazitätsgrenzen wegen der vielen Patienten.
Vielerorts müssen verwüstete Krankenhaus-Zimmer zuerst wieder in Stand gesetzt werden.
Nach wie vor suchen die Rettungskräfte in den Trümmern nach Verletzten.
Seit Dienstagabend sind Löschhelikopter im Einsatz um die Brände im Hafen zu löschen.
Das Gelände ist vom Boden aus nur schwierig zu erreichen.
Weite Teile des Hafens wurden komplett zerstört.
Auch Schiffe wurden durch die Detonation und die Druckwelle beschädigt – darunter ein Kriegsschiff der UNO-Friedenstruppen.
Der Morgen danach: Ein Bild der Zerstörung.
Eine Druckwelle fegte über die Stadt hinweg.
Ein Grossteil der Gebäude wurde dem Erdboden gleichgemacht.
Der Hafen wurde bei der Explosion zerstört.

Kurz vor 18 Uhr (Lokalzeit) hörte man in der Umgebung von Beiruts Hafen mehrere Explosionen.

Keystone

Die Explosion in Beirut trifft ein Land, das bereits vieles durchstehen musste: Erst brach eine Wirtschaftskrise über die Menschen herein, die schlimmste seit Ende des 15-jährigen Bürgerkrieges vor 30 Jahren. Danach hat die Corona-Pandemie die bereits missliche Lage zunehmend verschärft. Das libanesische Pfund ist abgestürzt. Grosse Teile der Bevölkerung sind unter die Armutsgrenze gerutscht.

Nach der gewaltigen Explosion am Dienstagabend drohen nun auch noch Versorgungsengpässe, Obdachlosigkeit und unzureichende medizinische Versorgung. Die Bevölkerung gibt der korrupten Machtelite die Schuld an den Missständen. Sie hätten das Land hemmungslos geplündert.

Der Libanon-Korrespondent und mehrfach ausgezeichnete Journalist Martin Chulov berichtet aus Beirut am 5. August 2020 für die britische Zeitung «The Guardian», wie die Stadt den Tag nach der Explosion durchlebt und wie aus Schock Verzweiflung und Wut entsteht:

«Beirut ist heute – am Tag nach einem der schockierendsten Ereignissen in der Geschichte der Stadt – mit einem neuen Gefühl der Verwundbarkeit erwacht.

Guardian-Korrespondent Martin Chulov.

Guardian-Korrespondent Martin Chulov.

The Guardian

Das Geräusch von Bergen aus Glasscherben, die von Balkonen gefegt werden und auf die Strassen stürzen, ist die Tonspur einer unheimlichen, unruhigen Nacht. Krankenwagen heulen. Bauleiter sitzen schweigend im Schatten auf Plastikstühlen. Es gibt nicht mehr viel zu schützen, und auch keinen grossen Willen dazu.

Müde Rettungskräfte stapften durch die Dunkelheit vor Tagesanbruch, einige hielten Vorschlaghämmer in der Hand, andere trugen Wasser. Ein Parkplatz im Stadtteil Gemmayze wurde in ein Triage-Center umgewandelt. An dessen Wände reihen sich orangefarbene, blutverschmierte Plastiktragen.

Während eine verwüstete Stadt langsam die Scherben aufsammelt, stellt sie sich die überwältigende Frage: Wie konnte das geschehen? Und der Tonfall, mit der diese Frage gestellt wird, gewinnt mit jeder Stunde an Schärfe. Wenn dies, wie vermutet wird, ein katastrophaler Arbeitsunfall infolge atemberaubender Fahrlässigkeit war, wer wird dann den Preis zahlen?

Politiker, die bereits vor der Tragödie einen schlechten Ruf in der Bevölkerung genossen, haben sich nun verpflichtet, Millionen von Fenstern zu reparieren, die bei der Explosion zerbrachen. Die Glaubwürdigkeit der politischen Elite ist niedriger denn je.

Die Bevölkerung wurde schon vor der Explosion von Wirtschaftskrisen, Korruption und Coronavirus heimgesucht – der Zusammenbruch des Staates scheint nahe. Nur wenige vertrauen noch auf die politische Führung des Landes, wie das Beispiel Khaled Qudsi, einem libanesischen Verkäufer, zeigt:

‹Falls einer von ihnen (Anm.d.Red. politische Elite) zur Rechenschaft gezogen wird, könnte ich meine Meinung ändern. Aber Sie können auf Ihr Leben wetten, sollte eines ihrer kommerziellen Interessen mit diesem Unfall verbunden sein, die Verantwortung verwischt und einem Strohmann die Schuld gegeben wird.›»