Bataclan-Anschlag
«Die Idee schoss mir nur durch den Kopf»: Salah Abdeslam, der neunmalkluge Terrorist im Gericht

Am Prozess der Bataclan-Anschläge hat sich der Hauptangeklagte Salah Abdeslam erstmals befragen lassen. Mit einem konsternierenden Resultat.

Stefan Brändle, Paris
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Fahdungsbild des Hauptangeklagten

Fahdungsbild des Hauptangeklagten

Keystone

Und das soll der einst meistgesuchte Verbrecher Frankreichs sein? Salah Abdeslam wirkt im Plexiglaskäfig gepflegt und unscheinbar, mit kurzem Haarschnitt und weissem Hemd; nicht einmal sein Blick ist aggressiv. Der 32-Jährige ist der einzige Überlebende des Terrorkommandos, das am 13. November 2015 im Pariser Konzertlokal Bataclan ein Blutbad mit 130 Toten und 350 Verletzten anrichtete; Abdeslam soll die Anschläge mitorganisiert haben.

Seit vergangenem September hörte das Gericht die furchtbaren Berichte traumatisierter, amputierter, teils 30 mal operierter Opfer an. Eltern berichteten unter Tränen, wie die sterbende Tochter sie aus dem Saal des Massakers ein letztes Mal angerufen hatte. Ärzte taten kund, wie sie in Sekundenschnelle entscheiden mussten, wen sie retten konnten – und wen nicht.

Scharia statt Demokratie

Jetzt sind die Täter an der Reihe. In dem eigens für den Prozess gebauten Pariser Gerichtsaal herrscht an diesem Mittwoch gespanntes Warten auf den Terroristen - Abdeslam. Der marokkanischstämmige Franzose aus dem belgischen Molenbeek hat fast unbemerkt seinen Platz eingenommen und erhebt sich wie alle, als das Gericht den riesigen, bis auf den letzten Platz gefüllten Saal betrifft.

Nach dem Attentat beim Bataclan.

Nach dem Attentat beim Bataclan.

EPA

In der fünfjährigen Ermittlungszeit hatte er bisher meist geschwiegen. Jetzt ruft ihn Gerichtspräsident Jean-Louis Périès auf, froh, dass Abdeslam Anstalten macht, dass er reden wird. Hatte er jemals die Absicht, in den Jihad nach Syrien zu reisen?, fragt der Richter. «Ich würde nicht ‹beabsichtigt› sagen, eher, dass mir die Idee nur durch den Kopf geschossen war», präzisiert Abdeslam neunmalklug. «Aber ich fuhr nie hin, auch wenn ich dem IS Treue geschworen hatte.» Warum dem IS und nicht einer gemässigten Anti-Assad-Miliz, will der Richter wissen. «Weil die für die Demokratie sind. Ich bin dagegen für die islamische Ordnung, die Scharia.» Um anzufügen:

«Früher oder später siegt der Islam sowieso, da bin ich mir völlig sicher.»

Und was denkt Abdeslam über die schrecklichen Enthauptungs-Videos des IS? In Frankreich habe man die Guillotine auch bis in die achtziger Jahre verwendet, gibt der Angeklagte zu bedenken. «François Mitterrand schaffte sie ab, obwohl die Franzosen weiterhin dafür waren», weiss der Mann mit Schutzmaske und Kurzbart. Und die Scharia sehe für Gegner des Islam nun einmal drei Strafen vor – Lösegeld, Sklaverei oder Todesstrafe. Letztere sei in den meisten Demokratien abgeschafft, wendet der Gerichtspräsident ein. «Nicht im Islam», kontert Abdeslam. Antwort des Richterpultes: «Nicht alle Muslime billigen diese Praxis.» Abdeslam behält das letzte Wort: «In einer islamischen Ordnung schon.»

Der eigens gebaute Gerichtssaal im Justizpalast der Pariser Seine-Insel.

Der eigens gebaute Gerichtssaal im Justizpalast der Pariser Seine-Insel.

Keystone

Der Richter versucht es anders: Er weist chronologisch nach, dass der Syrienkrieg keine noch so verquere Legitimierung des Bataclan-Anschlag bieten könne: Das Attentat war schon vorher geplant gewesen. Aber Abdeslam hat auf alles eine Antwort, auch wenn er geradeheraus lügen muss. Er will nicht einmal gewusst haben, dass sein ihm nahestehender Bruder und sein bester Freund - der heute tote Bataclan-Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud – nach Syrien gereist waren.

So Gott will

In den nächsten Tagen soll Abdeslam ausführen, wie er die drei Bataclan-Killer an den Ort des Anschlags gefahren hatte. Vielleicht wird er ja behaupten, er habe keine Ahnung gehabt, wozu die mitgeführten Kalaschnikows und die übervollen Patronenmagazine gedacht waren. Vorerst sagt der Angeklagte nichts dazu: «Wenn Gott will», so klärt der Angeklagte das hohe Gericht auf, «werden wir ein anderes Mal darüber sprechen.» Genauer: wenn Abdeslam will.

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