Auswanderer
Trotz Gewalt und Chaos: Diese Schweizer halten an ihrem Südafrika-Traum fest

Der Ex-Präsident sitzt im Gefängnis, Soldaten patrouillieren auf den Strassen – Eidgenossen erzählen, warum sie trotzdem bleiben wollen.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Beat von Allmen lebt in Edenvale bei Johannesburg.

Beat von Allmen lebt in Edenvale bei Johannesburg.

Markus Schönherr

«In zwei bis drei Nächten konnten wir vom Schlafzimmer aus Schüsse aus dem etwa zehn Kilometer entfernten Township Alexandra vernehmen. Das fühlte sich sehr unangenehm und gespenstisch an», sagt Beat von Allmen. Der 54-Jährige wanderte 2013 der Liebe wegen nach Südafrika aus. Mit seiner Frau lebt der Liegenschaftsverwalter heute in Edenvale bei Johannesburg. Auch die Wirtschaftshauptstadt Südafrikas wurde schwer von den Unruhen erschüttert. Nur zum Arbeiten und Einkaufen sei von Allmen vor die Tür gegangen, «dies jedoch sehr angespannt, als die Plünderungen und Zerstörungen begonnen haben».

Seit mehr als zehn Jahren ist Nelson Mandelas «Regenbogen-Nation» in Aufruhr: Etliche Korruptionsskandale hatten die Regierungszeit von Jacob Zuma (2009-2018) überschattet und die Stimmung im Land aufgeheizt. Entsprechend feierten viele Zumas Inhaftierung als «Sieg für die Rechtsstaatlichkeit». Der ehemalige Staatschef hatte sich geweigert, vor einer Korruptionskommission auszusagen, und wurde wegen Missachtung der Justiz zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt.

Doch nur Tage nach seinem Haftantritt flogen in seiner Heimatprovinz KwaZulu-Natal die ersten Kugeln und Tränengas. In der Hafenmetropole Durban, Johannesburg und Pretoria schwappten die Proteste bald in Plünderungen über: Mobs raubten mehr als 200 Einkaufszentren aus, steckten Tausende Geschäfte in Brand.

Fritz Gribi aus Basel.

Fritz Gribi aus Basel.

Markus Schönherr

Auch der pensionierte Ingenieur Fritz Gribi, ursprünglich aus Basel, sah die Folgen mit an, als plötzlich die Supermärkte rund um Durban geschlossen blieben. «Ich stelle immer sicher, dass wir einen Vorrat haben. Wir sind nie erst einkaufen gegangen, wenn die Lebensmittel zu Ende waren.» Mit etwa 80 weiteren Familien lebt Gribi in einer bewachten Siedlung.

Dort sei er Zeuge eines «erstaunlichen» Zusammenhalts geworden:

«Die Unterstützung war unglaublich. Schwarze, Weisse und Inder halfen sich gegenseitig.»

Er glaubt, dass Südafrikas Regierung aus der Anarchie gelernt habe und künftig schneller reagieren werde. Zurück in die Schweiz will er nicht.

Taxifahrer schiessen auf Passanten

Nach dem Chaos hat das Aufräumen begonnen. Mit Besen und Müllsäcken rückten Freiwillige in Townships aus, um Geröll und ausgebrannte Autoreifen wegzuräumen. In Facebook-Gruppen schlossen sich Zehntausende zusammen, um Geld und Lebensmittel für Betroffene zu sammeln. «Nach all den Unruhen hat sich die Bevölkerung zusammengetan, um wieder aufzubauen», sagt Michael Hauser. Der Immobilienhändler lebt mit seiner Frau Andrea und seinen zwei Kindern in Kapstadt.

Michael und Andrea Hauser leben in Kapstadt.

Michael und Andrea Hauser leben in Kapstadt.

Markus Schönherr

Zwar blieb die «Mother City» von den gewaltsamen Protesten verschont, zeitgleich brach dort aber ein erbitterter Taxikrieg aus, bei dem Fahrer von Sammeltaxis auch auf Passanten schossen. Nichtsdestotrotz überwiegen laut Hauser aber die Vorteile. «In der Schweiz funktioniert alles gut, aber die letzten 34 Jahre hier haben uns geprägt. Wir schätzen die Lebensfreude, das Lachen der Menschen, das Wetter und die Natur.»

So denken viele Eidgenossen in dem Schwellenstaat. Philippe Lanz ist Präsident des Swiss Club Natal in Durban. 1977 war der Walliser nach Südafrika ausgewandert. Die vielen Probleme seiner neuen Heimat bereiten ihm zwar Sorge. Aber der fünffache Grossvater sagt:

«Permanent in die Schweiz zurückzukehren, kommt für mich nicht in Frage, da das Leben dort viel teurer ist.»

Auch Armand Salutt aus St. Moritz denkt nicht daran, Südafrika nach 57 Jahren den Rücken zu kehren. «Weil wir das schönste Klima und die schönsten Tierparks haben» – und nicht zuletzt, da hier Menschen aus jeder Kultur, Ethnie und Religion lebten, so der Wahl-Johannesburger.

Philippe Lanz.

Philippe Lanz.

Markus Schönherr

27 Jahre nach Ende der Apartheid gilt Südafrika als Land mit der ungerechtesten Einkommensverteilung der Welt. 55 Prozent leben in Armut. Jeder dritte im arbeitsfähigen Alter hat keinen Job. Die Gefahr, dass sich dies in Gewalt entlade, hänge wie ein «Damokles-Schwert» über Südafrika, sagt Beat von Allmen. «Trotz Problemen, dieses Land ist im Herzen sehr freundlich. Wegrennen aus dem Land, das nun meine Heimat ist, sehe ich zurzeit nicht als Option.»

Gelassen blickt auch der Schweizer Rolf Klein, 78, nach 50 Jahren in Afrika auf die Unruhen: «Das sind Extremfälle, die man mit etwas Logik bei vermeiden kann.» Zwar könnten sich Plünderungen und Gewalt jederzeit wiederholen. «Aber mehr brauchen wir nicht zu tun, als eben zu schauen, dass die Schränke und der Kühlschrank nicht ganz leer sind.»

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