Amerika
So sieht die Parallel-Welt der Trump-Anhänger aus: Ein Augenschein an einer Mahnwache, ein Jahr nach dem Sturm auf das Kapitol

Während im Parlamentsgebäude in Washington dem Sturm auf das Kapitol gedacht wurde, veranstalteten Aktivistinnen und Aktivisten einige Kilometer vom Tatort entfernt eine Mahnwache. Schauplatz dieser Mini-Demo: Das Lokalgefängnis der Hauptstadt, in dem gegen 40 Teilnehmer der Randale vom 6. Januar 2021 inhaftiert sind.

Renzo Ruf, Washington
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Matt Braynard (Bildmitte) demonstrierte am Donnerstag vor dem Washingtoner Lokalgefängnis gegen die anhaltende Inhaftierung von Demonstranten, die nach dem Sturm auf das Kapitol verhaftet wurden.

Matt Braynard (Bildmitte) demonstrierte am Donnerstag vor dem Washingtoner Lokalgefängnis gegen die anhaltende Inhaftierung von Demonstranten, die nach dem Sturm auf das Kapitol verhaftet wurden.

Alex Brandon / AP

Die Szene hat etwas Surreales. Vielleicht ein Dutzend Aktivistinnen und Aktivisten stehen an diesem kalten Winterabend vor dem Washingtoner Lokalgefängnis. Sie singen die Nationalhymne und christliche Lieder, beten gemeinsam und sprechen mit Leidenschaft über die fast 40 Demonstrantinnen und Demonstranten, die seit dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 in der «Central Detention Facility», wie das Gefängnis offiziell heisst, auf ihren Prozess warten. Die Aktivisten beklagen sich über die desolaten Zustände, die im Gefängnis herrschen, und werfen den Lokalbehörden vor, an den inhaftierten «Patrioten» ein Exempel zu statuieren. Umringt ist die Gruppe von mehr als 50 Medienschaffenden und mehreren Dutzend Polizistinnen und Polizisten. «Das sind ja mehr als wir», sagt eine Aktivistin, und dann lacht sie.

Matt Braynard hingegen, Direktor der Organisation «Look Ahead America» und Organisator der Mahnwache beim Gefängnis, lacht nicht. Er zeigt sich vielmehr hochzufrieden über das grosse Interesse der Journalisten – selbst wenn sich unter den Medienschaffenden auch der Komiker Jordan Klopper befindet, der sich gerne über die Anhänger des abgewählten Präsidenten Donald Trump lustig macht.

Braynard, der 2016 bei Trumps Wahlsieg eine (kleine) Rolle spielte, aus der er seither Gewinn schlägt, sieht sich als Speerspitze einer rechten Bürgerrechtsorganisation, die sich für eine ganz bestimmte Gruppe von «politischen Gefangenen» einsetzt. Im Gespräch zieht der mediengewandte Funktionär Parallelen zum Kampf gegen die Apartheid-Regierung in Südafrika. Anfänglich sei der Kampf gegen das rassistische Regime auch auf wenig Interesse gestossen, sagt Braynard. Aber letztlich habe die Bewegung Erfolg gehabt.

Das ist fraglos ein seltsamer Vergleich. Die Straftaten, die im Zusammenhang mit dem Sturm auf das Kapitol (von mehrheitlich weissen Männern) begangen wurden, lassen sich schwerlich mit den rassistischen Diskriminierungen vergleichen, die in Südafrika begangen wurden. Braynard aber liebt solche Vergleiche.

So sieht er eine Parallele zwischen dem 6. Januar 2021 und der Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking im Jahr 1989. «Das Regime machte aus einer friedlichen Demonstration eine Revolte (‹Insurrection›), um das Leben der Patrioten zu zerstören, die gegen dieses Regime sind», schrieb Braynard diese Woche auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Auf die Frage, was er denn mit «Regime» meine – am 6. Januar 2021 hiess der Präsident schliesslich Donald Trump – verweist er auf die «Capitol Police» und die Stadtpolizei von Washington, die angeblich Mitverantwortung für den Sturm auf das Kapitol tragen würden. Und er behauptet, dass Trumps Nachfolger Joe Biden die Unwahrheit über die Ereignisse im Parlamentsgebäude erzähle.

«Big John» behauptet, die Türen des Kapitols seien offen gestanden

Die Teilnehmer der Mahnwache leben in einer ähnlichen Parallel-Welt wie Braynard. So behauptet Suzanne Monk, am 6. Januar hätten sich Provokateure unter die Trump-Anhänger gemischt, die von der Bundespolizei FBI bezahlt worden seien. Und die Hälfte der Gewalttäter, die am 6. Januar im Kapitol wüteten, das seien Antifa-Leute gewesen, linksradikale Chaoten, sagt die Aktivistin aus Washington. Ein Mann, der (zurecht) auf den Spitznamen «Big John» hört, behauptet, die Türen des Kapitols seien weit offen gestanden. Und Braynard nennt die Verhafteten, die zum Teil seit fast einem Jahr auf ihren Prozess warten, eine Gruppe von Boomer, die sich auf einer Tour durch das Kapitol verlaufen hätten.

Das kann man lächerlich finden, und einigen Medienschaffenden fällt es schwer, angesichts der Lügengeschichten, die einige Aktivisten auftischen, Ernst zu bleiben. Unter den Anwesenden befindet sich aber auch Micki Witthoeft, die Mutter von Ashli Babbitt, die am 6. Januar von einem Polizisten erschossen wurde, als sie sich unweit des Versammlungssaals des Repräsentantenhauses befand. Sie vermisse ihre 36 Jahre alte Tochter jeden Tag, sagt Witthoeft im Gespräch. Ashli sei eine stolze Amerikanerin gewesen, und «ihre Stimme wurde ihr gestohlen». Ihre Rolle sei es nun, sagt Witthoeft, für ihre Tochter zu sprechen.

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