Syrien
Aleppo ist eine unbewohnbare Ruinenstadt

Hoffnungen auf eine Feuerpause in Aleppo sind bereits wieder zerstört. Es kam zu heftigen Gefechten mit Artillerie- und Luftangriffen. Zehntausende bleiben eingeschlossen.

Martin Gehlen, Kairo
Drucken
Teilen
In Aleppo sind viele Gebäude zerstört.

In Aleppo sind viele Gebäude zerstört.

Keystone/AP/HASSAN AMMAR

Für die Menschen in Aleppo nimmt der Albtraum kein Ende. Ein Evakuierungsplan für Zivilisten und Rebellen, den Russland am Dienstagabend auf der UNO-Sicherheitsratssitzung in New York angekündigt hatte, scheiterte bereits nach wenigen Stunden. Stattdessen nahm die syrische Armee am frühen Mittwochmorgen die heftige Bombardierung der umzingelten Enklave mit Panzern, Artillerie und Kampfjets wieder auf.

An allen Frontlinien kam es nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zu erbitterten Gefechten. Gemäss Augenzeugenberichten irrten Aberhunderte Menschen in panischer Angst durch die Ruinen in der verzweifelten Suche nach Deckung. Die Opposition kontrolliert nur noch ein winziges Territorium von gut zwei Quadratkilometern, in das sich offenbar 80 000 Menschen geflüchtet haben, die unter keinen Umständen in Regimegebiete evakuiert werden wollen.Denn die Assad-Getreuen zwingen alle Leute, die vom Osten in den von Damaskus kontrollierten Westen Aleppos kommen, sich registrieren zu lassen. Hunderte von Männern wurden verhört, verhaftet und sind seitdem spurlos verschwunden. Andere wurden auf der Stelle für die syrische Armee zwangsrekrutiert. In der komplett umzingelten Enklave dagegen haben die Menschen nichts mehr zu essen und zu trinken. Das Wetter ist nass, eiskalt und windig. Viele übernachten auf der Strasse unter freiem Himmel und hatten eigentlich gehofft, am Mittwoch aus der unbewohnbaren Ruinenstadt herauszukommen und in die von Assad-Gegnern beherrschte Provinz Idlib gefahren zu werden.

Der Kampf um Aleppo
11 Bilder

Der Kampf um Aleppo

KEYSTONE/AP/HASSAN AMMAR

Syrien torpediert Einigung

Doch das syrische Regime und sein Verbündeter Iran blockieren die von Russland und der Türkei federführend ausgehandelte Vereinbarung. Diese sah vor, zunächst alle Zivilisten aus Aleppo herauszubringen, danach die Kämpfer mit ihre leichten Waffen. Gestern Mittwoch hiess es hingegen in Damaskus, man habe lediglich einem Abtransport von 2000 Bewaffneten zugestimmt, nicht jedoch von 10 000 Menschen. Obendrein forderte das Regime eine genaue Namensliste der Evakuierten sowie ein Ende der Belagerung zweier Schiitendörfer durch Rebellen im Nordwesten des Landes. Die Aufständischen warfen den Machthabern in Damaskus daraufhin vor, die Einigung durch neue Bedingungen zu torpedieren. Im Iran feierten Politiker den Erfolg über die Rebellen als Beweis dafür, dass die Islamische Republik zur führenden Regionalmacht im Nahen Osten geworden sei. Verteidigungsminister Hossein Dehghan rief seinen syrischen Amtskollegen Fahd Jassem al-Freij an und gratulierte ihm «zu dem Sieg der syrischen Armee und der Kräfte des Widerstands bei der Befreiung Aleppos aus der Hand falschgläubiger Terroristen». In Teheran wurden Propaganda-Plakate aufgehängt mit der Aufschrift «Der Kampf gegen die USA hat sich erneut ausgezahlt – Aleppo ist befreit».

Türkei bereitet Lager vor

Der türkische Aussenminister Mevlut Cavusoglu dagegen erklärte, das syrische Regime und «gewisse andere Gruppen» versuchten, das Abkommen zu sabotieren. Zuvor hatte Vize-Premierminister Mehmet Simsek angekündigt, die Türkei bereite ein Aufnahmelager für 80 000 Menschen aus Aleppo vor. Präsident Recep Tayyip Erdogan wollte gestern Abend mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin telefonieren. Die Lage vor Ort sei sehr kompliziert und fragil, sagte er.

Hat Assad Giftgas eingesetzt?

Unterdessen geht die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die im Jahr 2013 die Vernichtung der syrischen Kampfstoffarsenale überwachte, Meldungen nach, das syrische Regime habe am Montag in der Region um die Stadt Hama Giftgas eingesetzt. «Die in den Medien berichteten Vorwürfe sind besorgniserregend», erklärte die Organisation. Bei Angriffen von Kampfflugzeugen auf mehrere vom IS kontrollierte Dörfer starben Dutzende Zivilisten, darunter auch Kinder, nachdem sie den Rauch der Geschosse eingeatmet hatten. Die Getöteten zeigten Symptome von schweren Vergiftungen und erstickten. Man werde die Vorfälle untersuchen, teilte die OPCW mit. Erst kürzlich hatte eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen ermittelt, dass das syrische Regime in den Jahren 2014 und 2015 in mindestens drei Fällen Chlorgas gegen Dorfbewohner eingesetzt hatte.

Aktuelle Nachrichten