Afrika
Radikaler Kurswechsel: Tansanias neue Präsidentin setzt auf Corona-Impfungen statt auf Heilkräuter und Gebete

Nachdem Tansanias Regierung das Virus lange leugnete, glaubt die neue Präsidentin an die Wissenschaft - und liess sich und die gesamte Staatsführung live im Fernsehen impfen.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Mit gelbem Hidschab und Impfnachweis: Präsidentin Samia Suluhu ist gegen Covid-19 immunisiert.

Mit gelbem Hidschab und Impfnachweis: Präsidentin Samia Suluhu ist gegen Covid-19 immunisiert.

Bild: D. Sylivester/AP (Dodoma, 28. Juli 2021)

«Wir sind keine Insel und deshalb starten wir jetzt dieses Impfprogramm», sagte Samia Suluhu Hassan in dieser Woche. Und das tat Tansanias erste Präsidentin medienwirksam: in gelbem Hidschab, FFP2-Maske – und einer Spritze in ihrem Arm. Die Immunisierung der Staatsspitze wurde live im Fernsehen übertragen. Neben der Präsidentin des ostafrikanischen Landes wurden der Ministerpräsident, der Höchstrichter, die Gesundheitsministerin und der Armeechef geimpft.

Nur Tage zuvor waren in der Wirtschaftsmetropole Dar es Salaam mehr als eine Million Dosen des Vakzins von Johnson & Johnson eingetroffen, zur Verfügung gestellt durch die globale Impfkampagne Covax. Den Tansaniern versprach Präsidentin Samia: «Wir werden sicherstellen, dass jeder, der die Impfung will, sie auch bekommt.»

Während in etlichen Industrieländern bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung durchgeimpft ist, markiert der Start des Impfprogramms einen Meilenstein in Tansania. In dem ostafrikanischen Land zeichnet sich nach dem Tod des umstrittenen Präsidenten John Magufuli vor vier Monaten eine Kehrtwende in der Corona-Politik ab.

Magufuli hatte kurz nach Ausbruch der Pandemie bei einem Gottesdienst erklärt: «Im Leib Christi wird Corona nicht überleben, es wird verbrennen.» Daraufhin trommelte er die Tansanier zu drei Tagen des Gebets zusammen. Gemeinsam habe man das Virus «weg gebetet». Wer dennoch Symptome zeige, dem empfahl der einstige Hoffnungsträger eine Kur aus Zitrone, Heilkräutern und Dampfbädern. Auf die «gefährliche» Impfung aus dem Ausland könne man verzichten, so Magufuli.

Afrika steckt mitten in der dritten Welle

2015 war Magufuli als progressiver Populist ins Amt gekommen. Doch für Tansanias Gesundheitssektor erwies sich sein Corona-Kurs als verheerend. Wie viele Menschen in Tansania tatsächlich in den Spitälern an Covid-19 starben, ist ungewiss, da bald keine offizielle Statistik mehr geführt wurde. Ärzte waren angehalten, auf Totenscheinen «Lungenentzündung» als Todesgrund anzuführen. «Du würdest sonst deinen Job verlieren. Es ist sehr gefährlich», so ein Mediziner.

Der neue Corona-Kurs komme laut Experten zu spät – und dennoch gerade zur richtigen Zeit. Afrika erlebt derzeit seine dritte Corona-Welle. Seit neun Wochen steigt in etlichen Ländern die Zahl der täglichen Neuinfektionen. «Gesundheitssysteme, die bereits vor der Pandemie Schwierigkeiten damit hatten, eine grundlegende Versorgung zu gewährleisten, krümmen sich nun unter dem Druck von Covid-19», sagte die Afrika-Direktorin der WHO, Matshidiso Moeti. Ihr zufolge konnte in bisher 26 afrikanischen Staaten die Delta-Variante nachgewiesen werden.

Auch Tansania ist von dem neuerlichen Anstieg betroffen. Nach langem Zögern verbot Samias Regierung vergangene Woche alle «entbehrlichen öffentlichen Versammlungen» – ein für Tansania historischer Lockdown. «Viele fragten sich, wann diese Entscheidung endlich fällt, da das Leben auf Märkten, in Sportarenen und Bars landesweit wie gewohnt weiterging», berichtete die lokale Zeitung «The Citizen».

Zumindest teilweise ist das Umdenken auf die strengen Beschränkungen für Ungeimpfte beim diesjährigen Haddsch zurückzuführen, der Pilgerreise nach Mekka. So appellierte Ministerpräsident Kassim Majaliwa an Tansanias Muslime: «Wer Mekka nächstes Jahr nicht verpassen will, sollte sich impfen lassen.»

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