Afghanistan
Was Putin von den Taliban hält – Russlands gefährlicher Flirt mit den Islamisten

Moskau sieht in den Taliban Terroristen und Verhandlungspartner zugleich. Noch dominiert im Land die Häme wegen des Scheiterns der USA in Afghanistan. Die Sorge vor islamistischem Terror wächst aber auch in Russland.

Inna Hartwich, Moskau
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Sieht in den Taliban auch Verhandlungspartner: Russlands Präsident Wladimir Putin.

Sieht in den Taliban auch Verhandlungspartner: Russlands Präsident Wladimir Putin.

Alexei Nikolsky / AP

Noch vor wenigen Tagen hatte sich Samir Kabulow, der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten für Afghanistan-Fragen, gelassen gegeben. «Wir fühlen uns in Sicherheit», sagte er angesichts des immer weiteren Vormarsches der Taliban in Afghanistan. Da hatten europäische Staaten und die USA ihre Diplomaten bereits nach und nach aus Kabul evakuiert.

Russland aber, das eine zwiespältige Haltung zu den Taliban pflegt, gab sich standhaft – bis Kabulow an diesem Montag erklärte, dass nun auch Teile der russischen Botschaft aus Afghanistan abgezogen würden. Man wolle «nicht zu viel Präsenz» zeigen, sagte er in Moskau und betonte noch einmal, dass mit Vertretern der Taliban gesprochen werde. In Doha. «Danach sehen wir weiter.»

Taliban stehen auf der Terrorliste

«Schizophrenie der modernen russischen Diplomatie», nennt der Moskauer Afghanistan-Forscher Andrej Serenko diese Haltung. Einerseits stehen die Taliban in Russland auf der Liste der terroristischen Organisationen und sind damit verboten – wie übrigens auch der Antikorruptionsfonds des inhaftierten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny.

Eigentlich ist damit jedes Interagieren mit solch einer Gruppierung eine mögliche Straftat. Andererseits hatte der russische Aussenminister Sergej Lawrow im Juli eine Taliban-Delegation in Moskau empfangen. Russland – sich als Nachfolger der Sowjetunion seiner Rolle und seiner Fehler in Afghanistan bewusst – versuchte sich wieder als Vermittler. Die Widersprüchlichkeit, die es damit einging, schob es beiseite.

Hatte Moskau seinen Einsatz in Syrien nicht damit begründet, gegen Terroristen vorzugehen? Nun standen Terroristen in Moskau vor Mikrofonen und erklärten, wie wichtig Menschenrechte für sie seien und dass sie gar nicht vorhätten, weiter vorzurücken. Seht her, die radikalen Islamisten hätten sich geändert, frohlockten daraufhin Russlands Propagandisten, mag auch ihnen bekannt sein, dass auf die Worte der Taliban kein Verlass ist.

Kommentatoren verhöhnen die USA

Doch in diesen Tagen ist es die Häme über das Versagen der USA in Afghanistan, die staatsnahe russische Kommentatoren geradezu siegestrunken vor sich hertragen. Eine gefährliche Haltung, da auch Russland – trotz der Besuche der Gotteskrieger in Moskau – auf der Feindesliste der Taliban steht.

Einige russische Beobachter fürchten, dass der radikale Islamismus, gegen den Russland in seinen nordkaukasischen Republiken und an der Grenze zu Zentralasien seit Jahren mit harten Mitteln vorgeht, plötzlich zu einer Art neuer Mode unter Muslimen im Land werden könnte. Angesichts der Enttäuschung über das Putin-Regime und der wirtschaftlichen Not im Land, könnte der Islamismus für einige eine neue Alternative sein, schrieb der russische Politologe Abbas Galljamow. Die Angst vor religiösem Extremismus ist unter Experten gross.

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