Afghanistan
Tödliche Feindschaft: Warum sich die Taliban und der IS bekriegen

In Afghanistan kämpfen nach Abzug der US-Armee Extremisten gegen Extremisten. Und die Spannungen dürften weiter zunehmen.

Thomas Seibert, Istanbul
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Ein Taliban-Kämpfer mit Sturmgewehr am Flughafen in Kabul - IS-Terroristen feuerten zuvor Raketen auf das Gebiet.

Ein Taliban-Kämpfer mit Sturmgewehr am Flughafen in Kabul - IS-Terroristen feuerten zuvor Raketen auf das Gebiet.

Stringer / EPA

Rücksichtslos und auf möglichst viele Opfer angelegt: Der Selbstmordanschlag am Flughafen von Kabul, bei dem bis zu 170 Menschen starben, trug die Handschrift des IS-K, des Ablegers des Islamischen Staates in Afghanistan. Die Gruppe macht seit Jahren mit besonders brutalen Anschlägen von sich reden. Terroristen des IS-K stürmten im vergangenen Jahr die Entbindungsstation eines Spitals in einem schiitischen Viertel von Kabul und töteten 24 Mütter und Neugeborene.

Bei einem Anschlag auf eine Mädchenschule in Kabul vor wenigen Monaten starben 85 Kinder. Sowohl der IS-K als auch die Taliban und das Terrornetzwerk Al Kaida sind radikal-sunnitische Gruppen. Dennoch tobt zwischen ihnen ein erbitterter Machtkampf, der sich nun noch verschärfen dürfte.

Der IS hat seit sechs Jahren einen afghanischen Ableger, der sich an der Grenze zu Pakistan bildete und zunächst vor allem aus Kämpfern der pakistanischen Taliban bestand, die sich von der Organisation losgesagt hatten. Die neue Gruppe wurde 2015 vom IS als Vertretung in «Khorasan» – eine alte Bezeichnung für das Gebiet der heutigen Staaten Iran, Afghanistan und Pakistan – anerkannt. Der IS-K war der erste Ableger des Islamischen Staates ausserhalb von Syrien und Irak und signalisierte die grenzüberschreitenden Ansprüche der Islamisten.

Das Lager der Islamisten driftet auseinander

Schon bald folgten erste Auseinandersetzungen zwischen dem IS-K und Al Kaida. Das Terrornetzwerk hatte nach dem Einmarsch der internationalen Truppen in Afghanistan im Jahr 2001 sein Bündnis mit den Taliban erhalten und forderte die neue Organisation nun auf, sich unterzuordnen. Der IS-K lehnte das ab und verlangte seinerseits, die Taliban sollten sich dem IS anschliessen. Das Lager der Dschihadisten zersplitterte damit weiter.

Der Konflikt zwischen dem Islamischen Staat und Al Kaida hat eine lange Geschichte: Die IS-Vorläuferorganisation im Irak wurde im Jahr 2004 als Zweig von Al Kaida gegründet, überwarf sich aber schon bald mit der Kaida-Führung, die von den Taliban unterstützt wird. Jetzt stehen sich beide Seiten in Afghanistan als Feinde gegenüber. Die Gräben zwischen den beiden Lagern sind tief. Obwohl der IS nach seiner Niederlage in Syrien und im Irak vor zwei Jahren stark geschwächt ist, beansprucht er die Führung bei den Dschihadisten.

Auch Muslime werden als «Ungläubige» zu Zielen

Der IS-K betrachtet die Taliban als afghanische Nationalisten und als unislamisch, weil sie mit den USA verhandeln. Der IS will zunächst den Muslimen seine radikalen Vorstellungen aufzwingen und hat globale Ambitionen – deshalb sieht er in muslimischen Zivilisten, die er als Ungläubige definiert, ebenso legitime Ziele wie in amerikanischen Soldaten.

Der Kampf zwischen den verschiedenen dschihadistischen Gruppen in Afghanistan dürfte sich nach Abzug der US-Armee verschärfen. Wenn die Taliban das Land erfolgreicher regieren wollen als in ihrer ersten Herrschaftszeit von 1996 bis 2001, werden sie Kompromisse machen müssen, die vom IS-K ausgeschlachtet werden können.

Anschläge des IS-K könnten das neue Taliban-Regime destabilisieren, denn die Miliz hat versprochen, Afghanistan nach Jahrzehnten des Krieges den Frieden zu bringen. Mit dem Anschlag von Kabul hat nun der Krieg zwischen den Extremisten begonnen.

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