Afghanistan
Taliban stehen vor Kabul und nehmen auch Masar-i-Scharif ein – deutsche Bundeswehr bereitet Evakuierung vor

Die afghanischen Taliban haben auf ihrem rasanten Eroberungszug nun auch die Grossstadt Masar-i-Scharif im Norden eingenommen. Dort war bis vor wenigen Wochen ein grosses Feldlager der Bundeswehr, seit Ende Juni sind die deutschen Soldaten aus dem Krisenstaat abgezogen.

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Talibankämpfer versammeln sich nach der Eroberung von Kandahar.

Talibankämpfer versammeln sich nach der Eroberung von Kandahar.

Keystone

Auf ihrem rasanten Eroberungsfeldzug haben sich die islamistischen Kämpfer bis auf wenige Kilometer an die Hauptstadt Kabul herangekämpft. Am Samstagabend wurde ebenfalls bekannt, dass Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans an die Taliban gefallen ist. Damit kommen die Islamisten einer militärischen Machtübernahme des Landes immer näher. Die Regierung hält gerade noch zwei Grossstädte.

Präsident Aschraf Ghani sprach am Samstag von einer schlimmen Lage. Nun stelle sich die «historische Aufgabe», den Tod weiterer Unschuldiger zu verhindern und die Errungenschaften für die Zivilgesellschaft der vergangenen 20 Jahre zu verteidigen.

Westliche Staaten, darunter Deutschland, beschleunigten ihre Bemühungen, eigenes Personal und afghanische Ortskräfte vor den rasch vorrückenden Extremisten in Sicherheit zu bringen.

Ausländer verlassen fluchtartig das Land.

Ausländer verlassen fluchtartig das Land.

Keystone

Rund 600 britische Soldaten sollen an diesem Wochenende in der Stadt eintreffen, um den Rückzug der britischen Bürger zu unterstützen. Sie werden auch die Umsiedlung von Afghanen unterstützen, die den britischen Streitkräften geholfen haben und nun Repressalien befürchten müssen.

Seit der Entscheidung über den Abzug der internationalen Truppen haben die Taliban grosse Teile des Landes erobert. Bis Samstagmittag standen 20 der 34 Provinzhauptstädte unter ihrer Kontrolle.

Die Aufständischen wollen ein «Islamisches Emirat Afghanistan» errichten, so wie schon vor dem Einmarsch der US-Truppen im Jahr 2001.

Deutsche Fallschirmjäger sollen bei der Evakuierung eingesetzt werden

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besprach am Samstag in einer Krisensitzung mit einem Teil ihres Kabinetts das weitere Vorgehen. In der Telefonkonferenz wurde beraten, wie mit Hilfe der Bundeswehr schnellstmöglich Mitarbeiter der deutschen Botschaft, Ortskräfte sowie Beschäftigte deutscher Organisationen ausgeflogen werden können.

Die Bundeswehr begann schon mit Vorbereitungen für die Evakuierung. Zum Einsatz kommen sollen dabei nächste Woche vor allem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte (DSK); sie sind Teil der Nationalen Risiko- und Krisenvorsorge für diese Aufgabe.

In Afghanistan sind derzeit noch deutlich mehr als 100 Deutsche, darunter auch die Diplomaten und Mitarbeiter der Botschaft in Kabul sowie Experten anderer Ministerien und Organisationen. Die genaue Zahl der Ortskräfte ist noch unklar.

Schneller Vormarsch

Ghani äusserte sich nach langem Schweigen in einer TV-Ansprache zur dramatischen militärischen Lage. Dabei ging er aber nicht auf Spekulationen ein, er könne zurücktreten, um den Weg für eine Einigung mit den Islamisten frei machen. Er spreche mit politischen Führern und internationalen Partnern und wolle «bald» Ergebnisse vorstellen, sagte er lediglich.

Die Taliban setzen derweil ihren schnellen Vormarsch fort: Nur etwa 35 Kilometer vor Kabul habe es am Samstagmorgen Gefechte um Maidan Schar gegeben, der Hauptstadt der Provinz Wardak, sagte die Abgeordnete Hamida Akbari der Deutschen Presse-Agentur. Die Taliban beherrschten bereits einen Grossteil der Provinz. (dpa)

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