Afghanistan-Krise
Warum während der Siegesparade der Taliban gepanzerte Fahrzeuge aus amerikanischer Produktion zu sehen sind

Die neuen afghanischen Herrscher paradieren mit amerikanischem Kriegsgerät herum, das ihnen in die Hände gefallen ist. Haben die US-Streitkräfte zu wenig Anstrengungen unternommen, um Fahrzeuge oder Flugzeuge aus dem Land zu schaffen?

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen
Taliban-Kämpfer am Flughafen von Kabul, vor einem flugunfähigen Helikopter.

Taliban-Kämpfer am Flughafen von Kabul, vor einem flugunfähigen Helikopter.

Marcus Yam / Los Angeles Times

Die Taliban verstehen etwas von Propaganda. Also paradierten die neuen Herrscher Afghanistans nach dem Abzug sämtlicher amerikanischer Streitkräfte diese Woche durch die Strassen von Kandahar – und zeigten das moderne Kriegsgerät vor, das sie erbeutet hatten. Auf Fotografien, die von der Bildnachrichtenagentur EPA verbreitet wurden, waren beispielsweise geländegängige Fahrzeuge der Kategorien Humvee und MRAP zu sehen.

Aus den Bildern geht zwar nicht hervor, ob es sich bei diesen Fahrzeugen – Stückpreis: gegen 1 Million Dollar – um Bestände der einstigen afghanischen Streitkräfte handelt oder um erbeutete Fahrzeuge des US-Militärs. In Washington sind diese Propaganda-Fotos aber nicht unbemerkt geblieben. So schrieb der Aussenpolitik-Experte Ian Bremmer auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: «Siegesparade der Taliban. US-Gerät.»

Allein: Vertreter der amerikanischen Streitkräfte stellen sich auf den Standpunkt, dass diese Bilder einen falschen Eindruck hinterlassen. Amerika, so heisst es im Pentagon, habe den Taliban kein wertvolles Kriegsgerät hinterlassen. Vielmehr sei dieses in den vergangenen Wochen ausgeflogen, oder am Flughafen von Kabul einsatzunfähig gemacht worden.

General Kenneth «Frank» McKenzie sagte am Montag, die US-Streitkräfte hatten in einer ihrer letzten Amtshandlungen 70 MRAPs, 23 Humvees und 73 Flugzeuge aus dem Verkehr («demilitarized»). Diese Variante wurde gewählt, weil der Armee die Zeit davon lief. Ein MRAP kann bis zu 20 Tonnen wiegen; in der Spätphase der Luftbrücke wäre die Evakuierung sämtlicher dieser Fahrzeuge einem logistischen Albtraum gleichgekommen. Pentagon-Sprecher John Kirby ergänzte: «Die einzigen Dinge, die wir funktionsfähig zurückgelassen haben, waren einige Feuerwehrfahrzeuge und Gabelstapler, damit der Flughafen auch in Zukunft betrieben werden kann.»

In der ersten Jahreshälfte flogen die Amerikaner etwa 90 Prozent ihrer Ausrüstungsgegenstände aus Afghanistan aus, wie einem Bericht eines Pentagon-Sonderbeauftragten zu entnehmen ist. Dazu seien fast 1000 Einsätze eines Transportfluges des Typus C-17 nötig gewesen. Diese Maschinen können mit jeweils mit bis zu 77 Tonnen Fracht beladen werden.

Aktuelle Nachrichten