Afghanistan-Krise
Nach 20 Jahren: Die letzten US-Soldaten verliessen Kabul in der Nacht – viele Afghanen werden damit ihrem Schicksal überlassen

Dramatische letzte Stunden für die amerikanischen Streitkräfte in Kabul, die ihren Abzug aus Afghanistan in der Nacht auf Dienstag abgeschlossen haben. Am letzten Tag des Abzugs wird der Flughafen in der Hauptstadt noch mit Raketen attackiert.

Renzo Ruf, Washington
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Eine Militärmaschine verlässt am Montag den internationalen Flughafen von Kabul.

Eine Militärmaschine verlässt am Montag den internationalen Flughafen von Kabul.

Stringer / EPA

Der amerikanische Truppenabzug aus Afghanistan ist zu Ende. Am Montag, angeblich eine Minute vor Mitternacht, hob am Flughafen von Kabul das letzte US-Militärflugzeug ab. In der Maschine, ein Transportflugzeug des Typus C-17, hätten sich der amtierende US-Botschafter Ross Wilson und der Zwei-Sterne-General Chris Donahue befunden, gab General Kenneth «Frank» McKenzie anschliessend im Pentagon bekannt.

«Jeder amerikanische Soldat hat Afghanistan verlassen», sagte McKenzie. Hingegen liessen die amerikanischen Streitkräfte rund 250 amerikanische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger im Land zurück.

Der letzte Soldat, der Afghanistan verlässt: Major-General Chris Donahue, Kommandeur der 82. US-Army Airborne Division, 18 Airbone Korps, besteigt in der Nacht von Montag auf Dienstag ein Militärflugzeug der US-Armee. Damit ist der länge Krieg der USA zu Ende.

Der letzte Soldat, der Afghanistan verlässt: Major-General Chris Donahue, Kommandeur der 82. US-Army Airborne Division, 18 Airbone Korps, besteigt in der Nacht von Montag auf Dienstag ein Militärflugzeug der US-Armee. Damit ist der länge Krieg der USA zu Ende.

U.S. Central Command via AP

Pentagon-Sprecher John Kirby hatte zuvor von einer «besonders gefährlichen» Phase des Abzugs gesprochen, mit Verweis auf die anhaltend hohe Terrorgefahr in Kabul. Gleichentags wurde der internationale Flughafen mit bis zu fünf Flugkörpern beschossen; dank der Raketenabwehr der US-Streitkräfte richteten sie aber keinen Schaden an.

Kirby räumte zudem ein, dass ein Präventivschlag des amerikanischen Militärs gegen das Auto eines angeblichen Selbstmordattentäters in der Nähe des Hamid Karzai International Airport zivile Todesopfer gefordert haben könnte.

Lokale Quellen sagten, im Zuge des Drohnen-Angriffs seien zehn Menschen gestorben. Unter den Toten befänden sich auch mindestens sechs Kinder. «Wir befinden uns nicht in der Position, dies zu bestreiten», sagte Kirby während einer Pressekonferenz am Hauptsitz des Pentagons bei Washington.

Die Zahl der Evakuierungsflüge für Zivilisten kam derweil am Montag fast vollständig zum Stillstand. Der Zugang zum Flughafen war verriegelt; Taliban-Kämpfer hinderten auch amerikanische Staatsbürger daran, das Gelände des Hamid Karzai International Airport zu betreten.

Von Sonntagmittag bis Montagmittag wurden nur noch gegen 1200 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Die Zahl der in den vergangenen vier Wochen Evakuierten stieg nach Angaben des Pentagon auf mehr als 122'000 Menschen, davon etwa 5400 amerikanische Staatsbürger.

Das Pentagon hatte vor dem Ende der Evakuierungsflüge nicht verraten wollen, wann genau die Streitkräfte den längsten Krieg in der Geschichte des Landes abschliessen würden. Diese Weigerung war nicht weiter erstaunlich, scheint in Washington doch fast niemand Interesse daran zu haben, öffentlich über die Mission zu reflektieren, auf der sich amerikanische Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan jahrelang befanden.

Denn eine solche Aufarbeitung würde zeigen, dass in den vergangenen 20 Jahren sowohl republikanische als auch demokratische Politiker massenhaft Fehler begangen haben.

Demokraten und Republikaner machten Fehler

Der Krieg begann offiziell am 7. Oktober 2001. In einer Fernsehansprache gab Präsident George W. Bush im Weissen Haus den Auftakt der Kampfhandlungen in Afghanistan bekannt. Er habe den Streitkräften den Befehl erteilt, Lager der Terrorgruppe Al-Kaida und Installationen der Taliban anzugreifen, sagte der Republikaner.

Der Name der Operation sei «Enduring Freedom» und die westlichen Streitkräfte unter Anführung Amerikas würden sich an denjenigen Menschen rächen, die «die Tötung von Unschuldigen» zu verantworten hätten – eine Anspielung auf die Terroranschläge vom 9. September 2001, die auch in Afghanistan geplant worden waren.

«Enduring Freedom», andauernde Freiheit, ist anfänglich ein Grosserfolg. Die Taliban geben Anfang Dezember auf und Kaida-Anführer Osama bin Laden scheint in die Enge getrieben. Allein: Mitte Dezember gelingt ihm die Flucht ins benachbarte Pakistan, auch weil das Pentagon sich weigert, die Zahl der US-Streitkräfte in Afghanistan massiv aufzustocken – laufen im Hintergrund doch bereits die Vorbereitungen für eine Invasion des Iraks.

Der Rest ist bekannt. Der neuen zivilen Regierung von Präsident Hamid Karzai gelingt es nicht, das Land zu befrieden. Und Washington verliert das eigentliche Ziel des Krieges aus dem Auge. 2008, im Präsidentschaftswahlkampf, verspricht der Demokrat Barack Obama, dem «gerechten Krieg» in Afghanistan wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Er lässt sich, nach langen Debatten, von den Argumenten des Pentagon überzeugen und stockt die Zahl der im Land stationierten US-Soldaten massiv auf. Gegen 100'000 Amerikaner kämpfen nun wieder im Land.

2011 wird bin Laden in Pakistan von US-Spezialtruppen getötet. Dies verschafft Obama etwas Luft für den Präsidentschaftswahlkampf 2012. Nach seinem erneuten Wahlsieg kündigt der Demokrat einen Abzug an. Dann verliert er angesichts aussenpolitischer Brandherde wie Irak oder Syrien das Interesse an Afghanistan. Der Krieg befand sich damals erst im elften Jahr.

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