Afghanistan
Gemässigte Taliban? Wohl kaum: Vom Leid der Frauen auf dem Land wird niemand erfahren – zehn Fragen und Antworten

Was unterscheidet die Taliban von den 1990ern und wird das Land nun wieder zum Hort von Terroristen? Zehn Fragen und Antworten zur angespannten Lage in Afghanistan.

Michael Wrase und Fabian Hock
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Die «neuen Taliban» verzichten bislang auf harte islamistische Parolen. Wie gemässigt sind sie wirklich?

Bis zu ihrem Sturz im Jahr 2001 hatten die Taliban das islamische Scharia-Recht in extrem brutaler, menschenverachtender Weise interpretiert. Eine 180 Grad-Wendung ist daher nicht zu erwarten. Zumindest öffentlich werden sie aber auch den «Steinzeit-Islam» aus den 1990ern vorerst nicht in dieser Form praktizieren können. Wie ihre versprochenen Korrekturen aussehen werden, ist gegenwärtig schwer zu beurteilen. Wahrscheinlich ist, dass sie in der Hauptstadt Kabul, wo viele pro-westlich orientierte Kräfte leben, gemässigter auftreten werden als in ihren Hochburgen in den ländlichen Regionen. Wenn dort einer Frau Leid angetan wird, wird es niemand erfahren.

Bewaffnete Talibankämpfer in den Strassen von Kabul.

Bewaffnete Talibankämpfer in den Strassen von Kabul.

AP

Was unterscheidet sie von den Taliban der 1990er?

Sie haben vermutlich aus ihren Fehlern von damals gelernt und wissen inzwischen, wie man sich auf dem diplomatischen Parkett bewegt. Sie haben mit Russland und China neue Partner gefunden, was für den Westen besonders schmerzhaft ist. Das neue Taliban-Regime wird gut vernetzt sein. Terror in Form von öffentlichen Steinigungen oder ähnlichem wird es - zumindest so lange die Weltöffentlichkeit hinschaut - voraussichtlich nicht geben. Was aber nicht heisst, dass man gegenüber Andersdenkenden Toleranz zeigen wird.

Warum leiden besonders Frauen unter den Taliban?

In den 1990er-Jahren hatten die Taliban die massive Unterdrückung und Terrorisierung von Frauen mit deren angeblicher «Sündhaftigkeit» begründet. Da sie die Sünde verkörperten und Unruhe verbreiteten, lautete die Argumentation, dürften sie nur eingeschränkt und tief verschleiert in die Öffentlichkeit.

Diese Ansicht soll nun revidiert worden sein. Behaupten zumindest die Taliban dieser Tage, was abzuwarten bleibt. Die meisten Experten sind skeptisch. Aus den afghanischen Provinzen kommen bereits Berichte, nach denen Frauen auf den Strassen von den Gotteskriegern drangsaliert werden. Anderseits begünstigen die weit verbreiteten patriarchalischen Strukturen in Afghanistan, vor allem in der reaktionären Landbevölkerung, die frauenfeindliche Grundhaltung der Taliban.

Wer sind ihre Partner im Ausland?

Vor allem Pakistan, wo – trotz Dementis der Pakistaner – Taliban nicht nur ideologisch geschult, sondern auch militärisch ausgebildet werden. Da Pakistan das riesige Indien fürchtet, sind gute, wenn nicht gar herzliche Beziehungen mit Afghanistan für Islamabad ein Muss. Als Binnenstaat ist Afghanistan wiederum auf Pakistan und auf dessen Häfen angewiesen. Auch mit Iran streben die Taliban – trotz ideologischer Differenzen – gute Beziehungen an. Politisch isoliert, das haben die Taliban inzwischen begriffen, werden sie sich nicht an der Macht behaupten können.

Warum scheiterten die USA in Afghanistan?

Der von den USA entworfene Plan, Afghanistan in einen zentralen, einheitlichen Staat zu formen, war zum Scheitern verurteilt. Milliarden des Westens wurden nach Kabul gepumpt, wo sie von einer völlig korrupten Politikerklasse verschlungen wurden. Ihre Loyalität gegenüber dem Westen war nur vorgespielt. Vom Volk wurden diese Leute niemals anerkannt. Währenddessen verkümmerten die Provinzen, in denen, wie man jetzt sieht, die Taliban in den letzten Jahren mit ihrer Basisarbeit erfolgreich waren. Ohne Rückhalt in der Bevölkerung wäre ihr schneller Vormarsch nicht möglich gewesen.

Wie konnten die Taliban das Land so schnell einnehmen?

Seit dem im Februar 2020 in Katar unterzeichneten sogenannten «Friedensabkommen» zwischen den Taliban und den USA war klar, dass die US-Streitkräfte Afghanistan verlassen würden. Von diesem Zeitpunkt an standen nur noch die persönlichen Interessen der «Regierenden» in Kabul im Vordergrund.

Sie brachten ihre US-Dollars ins Trockene, um am «Tag X» zu verschwinden. Regierungsaufgaben wollte niemand wahrnehmen und in der aufgeblähten Armee wollte niemand kämpfen. Das wussten die Taliban, die ihren Vormarsch auf Kabul in denen von der Regierung völlig ignorierten Provinzen in Seelenruhe vorbereiten konnten.

Warum intervenierten die USA überhaupt in dem Land?

Nach den in Afghanistan von Osama Bin Ladens Al Kaida vorbereiteten Anschlägen des 11. September 2001 mussten die USA handeln und das Terrorregime der Taliban zu Fall bringen. Das gelang auch relativ schnell. Rückblickend war es ein Fehler, nach dem Sturz der Taliban Ende November 2011 zu bleiben. Den USA und ihren westlichen Partnern hätte klar sein müssen, dass sie schon bald als Besatzungsmacht wahrgenommen werden.

Waren 20 Jahre Krieg umsonst?

Ja. Die Taliban sind nach Jahren wieder in Kabul, haben die Hauptstadt sogar kampflos eingenommen. Ihr Sieg ist eine schwere Demütigung des Westens, der sich von Anfang an sträubte, die afghanischen Realitäten zu akzeptieren.

Wird Afghanistan nun erneut ein Hort für internationale Terroristen?

Das erscheint zunächst unwahrscheinlich. Eine Garantie gibt es allerdings nicht. Wegen der Beherbergung von bin Ladens Al Kaida wurden die Taliban von den USA vor 20 Jahren aus Kabul gebombt. Die Fehler von damals dürften die Islamisten daher nicht wiederholen. Trotzdem könnte sich die internationale Dschihadistenszene nach dem «Sieg über die USA» von den Taliban inspiriert fühlen und nach Kabul pilgern, um die «neuen Helden» zu feiern und um von ihnen zu lernen.

Kommt es zu einer erneuten Militärintervention?

Vieles wird davon abhängen, wie die zunächst so chaotische Evakuierung der Ausländer und deren afghanischen Helfer, der sogenannten «Ortskräfte», am Flughafen von Kabul weiter geht. Verläuft sie ohne grössere Zwischenfälle, gibt es eigentlich keinen Grund für eine militärische Intervention in Form von Luftschlägen. Die militärische Position des Westens in Kabul ist allerdings schlecht. Die Taliban könnten mit wenigen Artillerieschlägen oder dem Abschuss einer Boden-Luft-Rakete den Flughafen der afghanischen Hauptstadt lahmlegen. Man wird verhandeln, um Lösungen zu finden. Das geschieht derzeit in Katar.

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