Afghanistan
Dieser Mann führt den Aufstand gegen die Taliban an – sein Vater ist ein alter Bekannter

Nach der Machtübernahme in Afghanistan gibt es bereits Widerstand gegen die Islamisten. Schon drei Distrikte konnten die Aufständischen zurückerobern. Haben sie eine Chance gegen die Übermacht?

Agnes Tandler
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In den Fussstapfen seines Vaters: Ahmed Massoud führt den Widerstand gegen die Taliban in Afghanistan an.

In den Fussstapfen seines Vaters: Ahmed Massoud führt den Widerstand gegen die Taliban in Afghanistan an.

Bild: Mohammad Ismail / X02863

Er sieht wie seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten aus: In der Panjshir-Provinz, um die 150 Kilometer nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul, hat der 32-jährige Ahmed Massoud seine Kämpfer um sich gescharrt. Im idyllischen Bergtal, reich an Smaragden und Silber, formiert sich schon wenige Tage nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul erneut der Widerstand.

«Ich bin bereit, in die Fussstapfen meines Vaters zu treten», kündigte Massoud an. Er ist der Sohn des legendären Widerstandskämpfers Ahmed Shah Massoud, der gegen die Sowjetunion und später die Taliban kämpfte, und der 2001 von Al-Qaida-Agenten ermordet wurde. Unterstützung erhält Massoud von Amrullah Saleh, der bis vor einer Woche noch der Vizepräsident Afghanistans war, und der am Sonntag vor den Taliban ins Panjshir-Tal geflohen ist. Die schwarz-rot-grüne Fahne der afghanischen Republik weht hier weiter über den Häusern. Die Provinzhauptstadt Bazarak fungiert nun vorübergehend als die neue Hauptstadt der kollabierten Republik.

Relikte aus der Zeit, als die Sowjets scheiterten

Noch immer zeugen die Überreste zerstörter russischer Panzer in Panjshir davon, dass es der Sowjetunion in den 1980er Jahren nie gelungen war, das Tal einzunehmen. Auch die Taliban hatten während ihrer Schreckensherrschaft Ende der 1990er Jahre hier keine Chance.

Ein afghanischer Coiffeur schneidet einem Kunden die Haare. In der Tür spiegelt sich ein Porträt von Nationalheld Ahmed Shah Massoud.

Ein afghanischer Coiffeur schneidet einem Kunden die Haare. In der Tür spiegelt sich ein Porträt von Nationalheld Ahmed Shah Massoud.

Altaf Qadri / AP

Das Panjshir-Tal war die Heimat der Nord-Allianz, die gegen die Islamisten kämpfte. Jetzt ist es die einzige Provinz Afghanistans, die sich weiter den Taliban widersetzt. Doch Panjshir, mit seinen gut 170000 Bewohnern, ist ein eigener Mikrokosmos und nur wenig repräsentativ für Afghanistan.

Ethnisch besteht die Bevölkerung fast ausschliesslich aus Tadschiken. Massoud, der mit der neu gegründeten «National Resistance Front of Afghanistan» die Nordallianz-Führung seines Vaters wiederzubeleben versucht, braucht Hilfe aus dem Ausland, um seine Männer in den Kampf gegen die neuen Herren in Kabul zu schicken. Nicht ohne Grund erschien sein Schlachtruf gegen die Taliban in der amerikanischen Zeitung «Washington Post». Der US-Geheimdienst CIA hatte Massouds Vater damals kräftig mit Waffen und Geld unter die Arme gegriffen.

«Es ist eine andere Situation als 1996», schrieb Mick Mulroy, ein früherer hoher Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums in der Zeitschrift «Foreign Policy». «Militärisch haben die Taliban amerikanische Waffen und Gerätschaften im Wert von Milliarden US-Dollar erbeutet.» Doch die Taliban von 2021 haben nicht nur bessere Waffen: Mit einer schlauen Politik der «Inklusion» haben die vormals fast ausschliesslich auf den Süden konzentrierten Guerilla-Kämpfer auch im Norden grosse Teile der Bevölkerung für sich gewinnen können.

Mit ihrer populistischen Strategie veränderten die Taliban ihr Image von paschtunischen Bauerntölpeln aus dem Süden zu Männern des afghanischen Volkes, die gegen die korrupten, vom Westen gestützten Eliten in den Städten kämpfen.

Sieg über die USA stärkt die Moral der Islamisten

Jugendliche im Norden, ob ethnische Usbeken, Turkmenen oder Tadschiken, erhielten von den Taliban eine Chance auf Zugehörigkeit zu einer islamistischen Bewegung, die Gerechtigkeit, Abenteuer und einen ruhmvollen Märtyrertod verspricht. Ihre erfolgreiche Militärkampagne gegen die grösste Supermacht der Welt dürfte die Moral der örtlichen Taliban-Kämpfer im Norden weiter gestärkt haben.

Dennoch hat der Widerstand gegen die Taliban begonnen. Am Samstag konnten Milizen der früheren afghanischen Regierung in der Baghlan-Provinz, einer Nachbarprovinz von Panjshir, drei Distrikte wieder unter ihre Kontrolle bringen. Beide Seiten erlitten laut dem afghanischen Sender Tolo News schwere Verluste. Stellungskämpfe dieser Art mit vielen Toten und Verwundeten werden auch in den kommenden Tagen weitergehen.

Welche Chancen der Widerstand gegen die Taliban haben wird, hängt zum einen davon ab, welche finanzielle und militärische Unterstützung diese Kräfte erhalten werden. Zum anderen wird auch das Format des neuen Taliban-Regimes eine grosse Rolle spielen. Auch eine Woche nach der Machtübernahme ist nicht absehbar, wie die Aufständischen regieren wollen. Die Taliban sind eine eher lockere Formation lokaler Führer mit unterschiedlichen Interessen. All diese zufriedenzustellen, kommt einem delikaten Balanceakt gleich.

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