Afghanistan
Die US-Journalistin, die im Chaos von Kabul einen kühlen Kopf bewahrt – auch wenn sie diesen verschleiern muss

Clarissa Ward berichtet seit Tagen für den Nachrichtensender CNN rund um die Uhr aus der afghanischen Hauptstadt. In ihren Live-Schaltungen widerlegt die 41 Jahre alte Korrespondentin das beschönigende Bild, dass das Weisse Haus von der Lage am Flughafen von Kabul zeichnen will.

Renzo Ruf, Washington
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Taliban-Kämpfer patrouillieren durch die afghanische Hauptstadt.

Taliban-Kämpfer patrouillieren durch die afghanische Hauptstadt.

Rahmat Gul

Clarissa Ward ist eine begabte Fernsehjournalistin. Nach 20 Jahren im Geschäft weiss sie, dass der Bote bisweilen für die schlechten Nachrichten verantwortlich gemacht wird. Deshalb wandte sich mehrfach preisgekrönte CNN-Korrespondentin zu Wochenbeginn direkt an ihre Kritiker, die ihr vorgeworfen hatten, sie kusche vor den neuen fundamentalistischen Machthabern in Afghanistan – in dem sie neuerdings nur noch mit Kopftuch und Überkleid («Abaya») vor die Kamera trete.

Stimmt nicht, gab Ward auf dem Kurznachrichtendienst Twitter zurück: Sie habe während ihren Live-Schaltungen in den Strassen von Kabul schon immer ein Kopftuch getragen. In den vergangenen Tagen habe sie sich aber dazu entschlossen, in der Öffentlichkeit ihr Haar komplett zu verhüllen, und ein Überkleid zu tragen.

Wer Ward in den vergangenen Tagen zugehört hat, der weiss, warum sich die 41 Jahre alte Reporterin zu diesem Schritt entschied. Frauen, so berichtete sie am Montag aus Kabul, seien seit dem Fall Kabuls auf den Strassen der Hauptstadt nicht mehr zu sehen. «Die eigentliche Geschichte dreht sich um die Menschen, die derzeit nicht zu sehen sind», weil sie sich vor den neuen Machthabern versteckten, sagte sie.

CNN-Reporterin Clarissa Ward

CNN-Reporterin Clarissa Ward

Keystone

Ward allerdings hält dies nicht davon ab, direkt von den «Hot Spots» in Kabul zu berichten. So stand sie an der Mauer bei der verlassenen US-Botschaft, oder berichtete über das Chaos auf der Zufahrtsstrasse zum Flughafen der Hauptstadt. Nötigenfalls interviewt sie, die einzige Frau weit und breit, auch bewaffnete Taliban-Kämpfer. Am Dienstag konfrontierte Ward einen Kommandanten, als dieser behauptete, der Islam schreibe die vollständige Verschleierung aller Frauen vor. «Ist das wirklich so?», fragte sie den bärtigen Mann.

Am wirksamsten ist Ward aber, wenn sie mit ihren Live-Schaltungen das beschönigende Bild widerlegt, dass das Weisse Haus von der Lage am Flughafen widerlegt. Offiziell heisst es in Washington, der Hamid Karzai International Airport sei offen und die Evakuierungsflüge liefen auf Hochtouren. Ward aber berichtete am Mittwoch darüber, wie die Taliban auch Besitzer einer US-Aufenthaltsbewilligung («Green Card») davon abhielten, sich an den Flughafen zu begeben.

Auch sprach sie davon, wie die Taliban versuchten, die Menschenmenge im Griff zu behalten. Während Ward dies sagte, waren im Hintergrund Schüsse zu hören.

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