Abkommen
Nur noch wenige Wochen, dann hat Iran die Bombe – im Atomstreit beginnt die heisseste Phase

In Wien steht die entscheidende Gesprächsrunde über ein neues Atomabkommen mit dem Iran an. Dieser stellt ausgerechnet jetzt eine neue Rakete vor. Washington warnt Teheran bereits - und droht mit Militärschlägen.

Thomas Seibert, Istanbul
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Irans neue Raketen: Das Regime in Teheran rüstet just während der Atomgespräche auf. Auch ohne Bombe ist der Iran eine Bedrohung für Israel und andere Verbündete der USA - mit Bombe eine noch viel grössere.

Irans neue Raketen: Das Regime in Teheran rüstet just während der Atomgespräche auf. Auch ohne Bombe ist der Iran eine Bedrohung für Israel und andere Verbündete der USA - mit Bombe eine noch viel grössere.

Ho Handout / EPA

Eine Lösung ist in Sicht, verlautet aus der amerikanischen Regierung. Ein Erfolg ist wahrscheinlicher als ein Scheitern, meint die iranische Führung. Die neue Runde der Gespräche im Atomstreit mit dem Iran könnte nach Einschätzung aller Seiten den Durchbruch bringen. «Jetzt oder nie», sagt der Iran-Experte Ali Vaez über die achte Gesprächsrunde, die in dieser Woche in Wien begann. Dennoch baut der Iran sein Raketenprogramm weiter aus.

Seit dem vergangenen Jahr verhandeln der Iran, China, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Russland über eine Rückkehr zum Atomabkommen von 2015. Die USA nehmen an den Wiener Gesprächen über europäische Vermittler teil, weil Teheran nicht direkt mit Washington reden will.

US-Präsident Donald Trump hatte die Teilnahme seines Landes an dem Abkommen, das den Bau einer iranischen Atombombe verhindern soll, vor drei Jahren aufgekündigt und die Islamische Republik mit neuen Sanktionen überzogen. Trumps Nachfolger Joe Biden will ins Abkommen zurück.

Im Palais Coburg in Österreichs Hauptstadt Wien läuft derzeit die entscheidende Verhandlungsrunde im Atomstreit mit dem Iran.

Im Palais Coburg in Österreichs Hauptstadt Wien läuft derzeit die entscheidende Verhandlungsrunde im Atomstreit mit dem Iran.

Lisa Leutner / AP

Die Wiener Verhandlungen drehen sich um die Frage, wie und wann die US-Sanktionen gegen Teheran im Gegenzug für eine Begrenzung des iranischen Atomprogramms gelockert werden können. Hauptstreitpunkt ist die hohe Urananreicherung im Iran, die seit Trumps Ausstieg ein Niveau erreicht hat, für das es nur noch militärische Verwendungen gibt. Eine Lösung könnte den Iran verpflichten, das hochangereicherte Uran ausser Landes zu schicken und die Anlagen zur Anreicherung unter internationalen Kontrollen einzumotten. Im Gegenzug würden die Sanktionen gelockert.

Amerika kommt den Iranern entgegen

Als Zeichen ihres guten Willens hob die Biden-Regierung vorige Woche einige Sanktionen gegen das zivile Atomprogramm der Iraner auf. Die iranische Führung signalisierte ihre Bereitschaft zu direkten Verhandlungen mit den Amerikanern.

Washington und Teheran betonten übereinstimmend, die achte Gesprächsrunde in Wien sei die entscheidende und voraussichtlich letzte. Dem EU-Aussenbeauftragten Josep Borrell zufolge liegen ein Angebot der USA und ein Gegenvorschlag des Iran auf dem Verhandlungstisch. Der russische Aussenminister Sergej Lawrow wurde jedoch am Donnerstag mit der Aussage zitiert, bis zu einer Einigung sei es noch ein langer Weg.

Die USA drücken dagegen aufs Tempo. Wenn es in den kommenden Wochen keine Einigung gebe, hätten Gespräche keinen Zweck mehr, sagte ein Regierungsvertreter in Washington in einem Hintergrundgespräch mit Reportern. Denn dann werde der Iran so viel Know-how gesammelt haben, dass der Bau einer Atombombe nicht mehr zu verhindern sei.

Amerikanische und israelische Regierungsexperten schätzen nach einer Meldung der US-Nachrichtenseite Axios, dass der Iran ohne eine Einigung in Wien innerhalb von fünf Wochen genug Uran für eine Atombombe beisammen haben würde. Ein neues Atomabkommen würde die iranischen Aktivitäten abbremsen.

Neue Raketen sind Bedrohung für Israel

Allerdings wäre ein Deal nicht das Ende aller Probleme. Aus der Sicht des Westens und seiner Verbündeten im Nahen Osten wie Israel und den arabischen Golf-Staaten bedroht das iranische Raketenprogramm auch ohne atomare Sprengköpfe die Region. Verhandlungen über dieses Thema lehnt Teheran ab. Kurz nach Beginn der neuen Atomgespräche in Wien stellte die iranische Armee diese Woche eine neue Rakete vor, die den Golf und Israel treffen kann. Generalstabschef Mohammad Bagheri sagte, sein Land wolle auch in Zukunft mehr und bessere Raketen bauen.

Washington droht den Iranern deshalb mit Militärschlägen. Biden bekräftigte in einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett die «bombensichere Unterstützung» der USA für Israel. Aus US-Regierungskreisen verlautete, wenn die Wiener Gespräche scheitern sollten, werde es «andere Optionen» geben.