Am Freitag ab 10 Uhr streiken die Frauen auch in der Kirchgasse in der Oltner Innenstadt. «Wir haben keine Ahnung, wie viele Leute wir erwarten können», sagt Siv Lehmann vom lokalen Organisationskomitee auf Anfrage. Es seien rund 200 Portionen Risotto vorbereitet. Die 65-Jährige hat bereits 1991 am ersten Frauenstreik teilgenommen. Nun hofft sie, dass es mit der heutigen Veranstaltung «erneut einen Schub gibt für die Anliegen der Frau».

Ein Mittel dazu sind die zwölf Forderungen, die das Oltner Frauenstreik-Komitee an die Adresse der Stadt richtet. Die Frauen verlangen darin «gezielte Massnahmen und ein Programm für die nächsten Jahre», wie es in der Einleitung des zweiseitigen Papiers heisst, das dieser Zeitung vorliegt. «Die nationalen Forderungen dienten uns als Inspiration», sagt Corina Bolliger, die ebenfalls an vorderster Front mitwirkt. Die Vorschläge seien im Komitee erarbeitet und verabschiedet worden, sagt die Gemeindeparlamentarierin der Jungen SP. Sie erwartet nun, dass der Stadtrat zeigt, wie die Forderungen umgesetzt werden oder wie die Oltner Regierung einen Beitrag dazu leisten kann. «Wir lassen dem Stadtrat nun Zeit.» Falls nichts komme, wolle man aber mit Vorstössen oder Volksmotionen nachdoppeln, sagt Bolliger.

«Der Platz hat so gar keinen Wert»

Unter anderem fordern die Frauen einen kostenlosen Mittagstisch für alle Kindergarten- und Schulkinder. «Das ist ein uraltes Anliegen. Es geht damit einfach zu wenig schnell vorwärts», sagt Lehmann. Es gehe dabei nicht nur um die betreute Mahlzeit, sondern auch ums gesunde Essen. Ebenfalls verlangt wird die Einführung einer Frauenquote bei den Führungspositionen in der Stadtverwaltung und in den Verwaltungsräten stadteigener Betriebe wie der Sportpark Olten AG. Corina Bolliger spricht von einer Quote von «mindestens 30 Prozent», Siv Lehmann glaubt, dass «die Frauen wie in der Bevölkerung auch zu 50 Prozent vertreten sein müssten». Ebenfalls aufgeführt ist der Maria-Felchlin-Platz vor der Friedenskirche auf der rechten Stadtseite. Die Vorkämpferin des Frauenstimmrechts und die erste praktizierende Medizinerin im Kanton Solothurn erhielt den eigenen Platz 1996, neun Jahre nach ihrem Tod. «Maria Felchlin hat etwas Besseres verdient, als einen leeren Platz mit Parkplätzen», sagt Lehmann. Bolliger doppelt nach: «Der Platz hat so gar keinen Wert.»

Um 12.30 Uhr werden die Forderungen an die Stadträtinnen Marion Rauber (SP) und Iris Schelbert (Grüne) übergeben, die beide auch eine Rede halten werden. Auf Anfrage zeigen sie sich darüber nicht glücklich. «Wir wollten eigentlich nicht in die Rolle der Botinnen schlüpfen, welche die Forderungen überbringen», sagt Schelbert. Diese hätten aus ihrer Sicht direkt dem Stadtpräsidenten Martin Wey übergeben werden sollen. Das Frauenstreik-Komitee hat ihn aber nicht eingeladen. Rauber äussert sich ähnlich: «Wir sind nicht für die Forderungen verantwortlich.» Zu deren Inhalt sagt sie: «Sehr ehrgeizig, aber nicht ganz realistisch.» Schelbert pflichtet ihr bei. Die beiden Politikerinnen halten zudem fest, dass sie nicht als Stadträtinnen, sondern als Frauen die Reden halten. Rauber: «Ich bin ebenfalls im Streik und sehe mich nicht als Vertreterin Oltens.»