Tatsache ist: Die Chance, dass Daniel H. je wieder frei kommt, ist gering, auch wenn seine Verwahrung regelmässig überprüft wird. Tatsache ist aber auch: Die Chance besteht. Theoretisch bereits 2024, nach 15 Jahren Haft. Jede Mutter, jeder Vater eines kleinen Mädchens kann ausrechnen, wie alt ihre Tochter dannzumal sein wird.

Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben 2004 darüber befunden, wie die Justiz mit Gewaltverbrechern umgehen soll. Damals kam die Verwahrungsinitiative zur Abstimmung. Mit Ausnahme der SVP empfahlen alle Parteien ein Nein. Auch die az argumentierte in ihrem Leitartikel dagegen: «Den Verstand vor die Emotionen setzen», lautete der Titel. Mit dem revidierten Strafgesetz werde die Verwahrungspraxis ohnehin verschärft, und auch einem Täter müsse zugestanden werden, dass er sich entwickeln könne - so die Hauptargumente.

Dennoch hat das Stimmvolk die Initiative mit 56,2 Prozent angenommen. Das gilt es zu respektieren, ob einem der Entscheid passt oder nicht. Klar: Auch das Volk darf nicht alles. Zum Beispiel nicht Grundrechte verletzen. Deshalb war die konkrete Umsetzung der Initiative ein Knorz, und bis heute hat kein Gericht entscheiden müssen, ob eine lebenslange Verwahrung gegen die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) verstösst oder nicht.

Trotzdem darf man von der Justiz erwarten, dass sie den Volkswillen möglichst adäquat umsetzt. Davon ist zu wenig spürbar. Was, wenn nicht dieser bestialische Mord, erfüllt die drei Kriterien für die Höchststrafe - ein grausames Verbrechen, begangen von einem Wiederholungstäter, der sein Motiv verschweigt und deshalb nicht therapierbar ist? Selbst der Sozialdemokrat und Strafrechtsprofessor Martin Killias sagte im az-Interview, eine lebenslängliche Verwahrung von Daniel H. wäre vertretbar gewesen.

Immerhin: Seit 2004 werden Verwahrungen strenger gehandhabt. Trotzdem passieren offenbar immer wieder erschreckende Fehleinschätzungen. Der «Blick» hat diese Woche den Fall eines verwahrten Mannes publik gemacht, der 22 Frauen vergewaltigt hatte. Dennoch erhielt er Hafterleichterungen - und überfiel sein 23. Opfer. Was, wenn auch Daniel H. seine Psychiater um den Finger wickelt, wenn sie dereinst entscheiden werden, ob er noch gefährlich ist oder nicht?

Was derzeit in Leserbriefen und Online-Foren gefordert wird («Er soll zum Tod verurteilt und hingerichtet werden»), ist zum Teil widerlich. Und es ist gut, dass kein öffentliches Tribunal über Daniel H. entscheidet. Das Stimmvolk hat aber das Recht, die Grundzüge unseres Justizsystems festzulegen: dass die Gesellschaft vor Gewaltverbrechern geschützt wird, dass gefährliche Täter keine zweite Chance erhalten. Daniel H. ist ein Wiederholungstäter, er hat seine zweite Chance auf tragische Art verspielt. Das Urteil vom Mittwoch lässt die Türe offen, dass er eines Tages gar eine dritte Chance bekommt. Ein solches Urteil missachtet den Volkswillen.