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Ein kleiner Fussballer

Ein kleiner Fussballer

Showmaster und Schwalbenkönige: Weil sie von den Profis abschauen, haben unsere Kinder das Fussballspielen verlernt.

Die EM ist vorbei und das ist auch gut so. Das Finale war an Langeweile kaum zu überbieten, gewonnen hat eine Mannschaft, die immerhin beweisen konnte, dass sie nicht bloss aus einem Star-Spieler besteht, aber von berauschendem Fussball weit entfernt war. Ich will hier aber gar nicht mit meinen ohnehin alles andere als fundierten Spiel-Analysen langweilen, mir ist schlicht etwas aufgefallen: Fussball macht unsere Buben weich. Und selbst wenn man weich so oder so versteht, trifft es zu.

Ich will ja nicht sagen, früher sei alles besser gewesen (auch wenn ich das überraschend oft denke), aber wir haben einst anders Fussball gespielt. Es ging um das Match und um den Spass und ums Toreschiessen und Rennen und Schwitzen. Wenn ich heute Kinder beim Tschutten beobachte, sehe ich viel mehr Schein als Sein. Angefangen damit, dass alle schon mal ein Original Trikot eines Stars haben müssen, meistens von Ronaldo, Messi oder Neymar. Die Hose passt natürlich dazu und oft sind da auch noch die dazugehörigen Schienbeinschoner und teure Schuhe.

Kaum geht es los, steht dann das Imitieren im Zentrum. Den Ball so lupfen wie es Ibrahimovic gemacht hat, den Trick von Griezmann nachahmen und natürlich, falls mal ein Tor fällt, jubeln wie Ronaldo.

Klar, kann man versuchen. In meinen Augen sind die heutigen Starfussballer nicht unbedingt die geeignetsten Vorbilder - sei es auf oder neben dem Platz (siehe Messi). Zumindest dann, wenn ich zuschaue, beweisen die Buben die Standfestigkeit von Flamingos und fallen um wie Dominosteine. Sie wälzen sich am Boden mit schmerzverzerrtem Gesicht, bis sie merken, dass es die Mitspieler noch weniger interessiert als den Schiri bei den Profis, worauf sie sich aufrappeln, zwei drei Schritte humpeln und, sofern sie nicht gleich den Gegner grätschen, weiterrennen als sei nichts geschehen. Auch wird endlos diskutiert, ob jetzt Foul oder Hands oder Aus war, obwohl längst der Gegenzug läuft. Und fungiert jemand als Schiedsrichter, werden dessen Entscheidungen infrage gestellt. Oder die Spieler versuchen händeringend, diesen von seiner Entscheidung abzubringen. Trashtalk, Schwalben, Stinkefinger, Jubel-Choreografien – alles wie in der Champions League. Nur das Tschutten selbst gerät in den Hintergrund.

Uns war klar: Wer schnell rennt, gut dribbelt und Tore schiesst, der kann wirklich Fussball spielen und hat womöglich das Zeug zum Profi. Heute kommt es mir so vor: Wenn ich mich möglichst so gebe wie Ronaldo, bin ich vielleicht bald so gut wie Ronaldo. Das hat mehr mit Schauspielerei als mit Fussball zu tun. Schade.

P.S.: Immerhin, dieses Video hat die Sache für mich wieder etwas relativiert.

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