Die Oltner Stiftung Arkadis hat die sechste nationale Fachtagung am Mittwoch, 7. November, durchgeführt. Namhafte Referentinnen und Referenten aus dem In- und benachbarten Ausland haben das Thema «Leben lassen! Kognitive Beeinträchtigungen, psychoaktive Substanzen und suchtbedingte Verhaltensweisen» vertieft.

Dr. Dagmar Domenig, Direktorin der Stiftung Arkadis, eröffnete die Tagung und machte darauf aufmerksam, dass psychoaktive Substanzen, aber auch suchtbedingte Verhaltensweisen von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung, im Behindertenbereich noch kaum thematisiert würden. Dies obschon die Öffnung der Institutionen im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention durch den leichteren Zugang zu psychoaktiven Substanzen auch Risiken für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung berge. Weiter fördere der leichtere Zugang zur digitalisierten Welt einerseits die Inklusion, andererseits suchtbedingte Verhaltensweisen, insbesondere wenn keine digitale Kompetenz vermittelt werde. In der Suchthilfe fehlten dann meist auf Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung angepasste Instrumente für die Früherkennung, für die Vermittlung eines risikoarmen Umgangs und für therapeutische Interventionen.

Dr. med. Daniele Zullino stellte die Frage, ob Drogen «gut oder böse» wären. Im öffentlichen Bewusstsein würde zunehmend klar, dass die Unterscheidung zwischen illegalen und legalen Drogen kaum deren volksgesundheitlichen Gefahrenpotential entspreche. Dennoch liessen sich gemäss einer gängigen Auffassung psychoaktive Substanzen gemäss ihres Nutzens und ihrer Gefahren klassifizieren. Dr. Zullino wies auf die verschiedenen Unschärfen einer solchen Klassifizierung hin und auf das Dilemma zwischen staatlicher Fürsorgepflicht- und individueller Freiheit.

Prof. Dr. Theo Klauss zeigte auf, dass Abhängigkeitserkrankungen bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen kaum seltener seien als bei anderen Menschen. Doch für deren Begleitung brauche es Fachpersonen aus der Pädagogik und der Medizin, die etwas über die Entstehungsbedingungen, Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe ihres Suchtverhaltens wissen.

Dr. med. Carlo Caflisch unterstrich in seinem Referat, dass kognitive Beeinträchtigungen bei Patientinnen und Patienten mit einer Abhängigkeit von psychotropen Substanzen eine grosse Rolle spielten. Insbesondere sei es für den Erfolg einer Behandlung wichtig, kognitive Einschränkungen zu erkennen, daraus resultierende Behinderungen zu verstehen und diese in der Therapie zu berücksichtigen.

Der Psychologe Renanto Poespodihardjo umriss die Disziplin der Verhaltenssüchte und stellte sie als Form einer Produktsucht dar. Insbesondere zeigte er Stolperfallen auf, welche sich in der Beratung von Klientinnen und Klienten im Bereich der Verhaltenssüchte ereignen könnten, im spezifischen bei einer Internet Gaming Disorder.

Die Pädagogin und Sozialtherapeutin Marja Kretschmann-Weelink präsentierte die Ergebnisse einer Vollerhebung in Nordrhein-Westfalen, welche besagt, dass viele Einrichtungen der Behindertenhilfe über missbräuchlich oder abhängig konsumierende Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung berichten. Des Weiteren stellte sie Ansätze im Umgang mit Suchterkrankungen in Behinderteninstitutionen vor.

Dr. Joanneke van der Nagel berichtete von ihren Erfahrungen aus den Niederlanden. Mit dem Einsatz von angepassten Screenings und Behandlungsansätzen sei es möglich, innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums die Betreuung von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und einer Substanzgebrauchsstörung drastisch zu verbessern.

Stephan Buschkämper, Diplom-Psychologe stellte aus einer erfahrungsbasierten Perspektive Strategien vor, die helfen, mit einem problematischen Alkoholkonsum bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen umzugehen, beziehungsweise auf eine Konsumveränderung hinzuwirken.

Anfangs 2020 wird auch von dieser Fachtagung im Seismo-Verlage eine Buchpublikation in der Reihe «Teilhabe und Verschiedenheit» erscheinen, mit Beiträgen der Referentinnen und Referenten. (Text von zvg)