Basel-Stadt

Zahlen von häuslicher Gewalt um 70 Prozent gestiegen – das hat auch mit der Polizei zu tun

In Basel gab es deutlich mehr gemeldete Fälle von häuslicher Gewalt. (Symbolbild)

In Basel gab es deutlich mehr gemeldete Fälle von häuslicher Gewalt. (Symbolbild)

Die gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt sind deutlich gestiegen. Das hat einerseits mit der Coronakrise zu tun. Andererseits erzielt die Polizei Fortschritte mit neuen Massnahmen.

Die Zahl liess aufhorchen, die der Basler Polizeikommandant Martin Roth anlässlich der Medienkonferenz vor zehn Tagen präsentierte: Im ersten Halbjahr 2020 sind im Kanton Basel-Stadt insgesamt 205 Delikte im Bereich häuslicher Gewalt rapportiert worden. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum bedeutet dies eine Zunahme um fast 70 Prozent. Auch seien fünf Mal mehr Fälle an die Opferhilfe gemeldet worden. Diese markante Zunahme habe aber nicht mit der Coronakrise zu tun, sondern mit der Arbeit der Polizei, betonte Roth. «Wir machen mehr!» Der Anstieg sei darauf zurückzuführen, dass die Polizei seit dem 1. Januar 2020 bei der Bekämpfung von häuslicher Gewalt mehr Handlungsspielraum habe.

Mit dem teilrevidierten Polizeigesetz, dem der Grosse Rat im Februar 2019 zugestimmt hat, wird der Begriff der häuslichen Gewalt breiter gefasst. Gefährdete und gefährdende Personen müssen in einer familiären oder partnerschaftlichen Beziehung stehen. Der Zivilstand ist dabei nicht mehr von Bedeutung. Auch geht es nicht mehr nur um Paargewalt, sondern zum Beispiel auch um Gewalt gegen Kinder. Die häusliche Gewalt wird nicht mehr nur auf Vorfälle zwischen mündigen Personen eingegrenzt. «Es gibt keine örtlichen, zeitlichen und altersbezogenen Einschränkungen mehr», erklärte Roth.

Neu kann die Polizei auch auf Stalking im Beziehungskontext reagieren. Sicherheitsdirektor Baschi Dürr (FDP) war nach der Pilotphase vom neuen Polizeigesetz überzeugt. «Der weitergefasste Begriff spiegelt die Wirklichkeit besser: Häusliche Gewalt betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche, und sie kann ebenso in jugendlichen Paarbeziehungen vorkommen.»

74 Prozent mehr Schutzmassnahmen

Doch nicht nur die Definition von häuslicher Gewalt hat sich geändert, die Polizei erhielt auch mehr Möglichkeiten, einzelne Schutzmassnahmen wie Wegweisungen, Rayon- oder Kontaktverbote unabhängig voneinander und für verschiedene Betroffene zu verfügen. Die Fälle mit Verfügung aller Schutzmassnahmen haben dadurch um 74 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 zugenommen. Erstmals gab es zusätzlich 21 Fälle, bei denen nur Rayon- und Kontaktverbote verfügt wurden – zum Beispiel bei Stalking oder nach Trennungen. Das Fazit der Polizei nach einem halben Jahr mit dem neuen Gesetz sei positiv, bekräftigt Polizeisprecher Toprak Yerguz. «Mit den neuen Möglichkeiten, die das Polizeigesetz bietet, lässt sich häusliche Gewalt besser bekämpfen, was sich in der Statistik widerspiegelt.»

Trotz der Verbesserungen bleibe die Dunkelziffer hoch, so Yerguz. «In vier von fünf Fällen sind es Familienmitglieder oder Betroffene, die häusliche Gewalt melden. Hier haben Scham, Furcht, Ambivalenzen und Abhängigkeiten einen direkten Einfluss darauf, dass die Hemmschwelle einer Meldung sehr hoch ist.»

Aufgrund des teilrevidierten Polizeigesetzes lassen sich die aktuellen Zahlen nicht mit denjenigen aus Vorjahren vergleichen. Eine definitive Aussage, ob die Coronakrise zum befürchteten Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt geführt haben, lasse sich deshalb nicht machen. Yerguz: «Tendenziell und ohne dies statistisch belegen zu können, gehen wir von einer leichten Zunahme aus.»

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