Theater
Augen zu und durch: Mit Ödipus durch die Krise

Im Schauspielhaus Basel feierte die Inszenierung «König Teiresias» Premiere. Regisseurin Leonie Böhm lässt ihre Figuren dabei mit Nachhall Gegenwärtiges sagen.

Bettina Hägeli
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Schau mir in die Augen, Kleiner: Ödipus (Gala Othero Winter) und Teiresias (Jörg Pohl).

Schau mir in die Augen, Kleiner: Ödipus (Gala Othero Winter) und Teiresias (Jörg Pohl).

zvg / Maurice Korbel

Alle Elemente der griechischen Tragödie sind da, inklusive Ein-Frau-Chor (Fritzi Ernst). Für die, die es nicht mehr präsent haben: Der öffentliche Raum nennt sich Polis, ruft uns Teiresias (Jörg Pohl) in Erinnerung. Folgerichtig ist das Publikum dazu eingeladen, sein Wohlbefinden zu äussern.

Der Marktplatz reicht bis in die erhellten Ränge, die weibliche Ödipus (Gala Othero Winter) kommt zu uns. Auf ihre metaphorische Frage, wo der Schuh drücke, sagt ein Mann «am rechten Zeh», weil er den Nagel falsch geschnitten habe. Die Situationskomik eint uns. Ödipus ist umsichtig, sie will nichts Falsches in jemanden hineinprojizieren, beschäftigt sich mit der Scham des anderen.

Fast gewöhnt man sich ans Geplänkel mit den gelungenen Einlagen, als sich das Geschehen unmerklich auf die Bühne verlagert und die klassische Dramaturgie für die beiden Freunde Ödipus und Teiresias ihren Lauf nimmt. König Ödipus’ Schicksal – als Kind mit durchstossenen Füssen ausgesetzt – ist altbekannt. Das Orakel von Delphi warnt ihn früh, dass er seinen Vater töten und seine Mutter zur Frau nehmen wird. Erst als er auf Anraten des Sehers Teiresias sich selbst erkennt, weiss er um seine schuldhaften Taten.

Ödipus empört sich: «Du siehst alles, und sagst nichts»

In Leonie Böhms Umsetzung nimmt sich die Macherin Ödipus viel vor. Um Theben von der Pest zu retten, leidet sie für alle. Mit dem Kopf sucht sie nach der Lösung, Teiresias liest ihre Gedanken und spricht diese aus, was sich wiederum in Ödipus’ Mimik widerspiegelt – spätestens ab diesem Moment laufen die Auftretenden zur Höchstform auf.

Die Selbsterkenntnis gebiert Ungeheuer: Ödipus mit Satyr.

Die Selbsterkenntnis gebiert Ungeheuer: Ödipus mit Satyr.

zvg / Maurice Korbel

Ödipus fragt sich, ob ihr Anspruch an sich noch Hybris oder schon narzisstischen Ursprungs sei. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Teiresias: «Was siehst du?» Sie drängt ihn, er solle doch in ihre Augen schauen. «Darf ich gehen?», entgegnet dieser, worauf Ödipus fordert: «Jetzt erkenn’ mich mal. Du weisst um das Leid und schweigst.» Sie wird zum Ekel, fühlt sich hintergangen und gibt für Teiresias jovial den Standort am Bühnenrand auf. Er soll mal etwas tun – und zwar im Spotlicht. Dieser entzieht sich jedoch der Machtübergabe.

Der reflektierende Teiresias, der Ödipus den Spiegel verweigert, zählt das für ihn Sichtbare auf: «Wer alles sieht, für den ist Hoffnung keine realistische Option.» Ödipus fällt in ein seelisches Loch, in den klaffenden Riss in der Bühne: «Wer was macht, macht alles noch schlimmer.» Wenn sich alles nach innen kehrt und man auf sich selbst zurückgeworfen ist, geht die schmerzliche Selbsterkenntnis los. Diese ist unmöglich und vollendet sich nur mit der Geburt von etwas Neuem. Ein Wesen, einen Satyr bringt der Riss zu Tage, eine blinde Kreatur, die anspruchslos der Welt begegnet.

Böhms prozesshaftes Arbeiten, das auch die derzeitigen politischen und ökologischen Krisen im Grunde einfordern, geht vollkommen auf. Es kann in der Kunst nicht um fertige Konzepte gehen, die es umzusetzen gilt, sondern um die Frage, welcher Kern uns als Team interessiert. Die inhaltliche Übereinstimmung ist evident: Ödipus muss sich selbst fortwährend befragen.

Dass im Probenverlauf Jörg Pohl und Gala Othero Winter ihre Rollen getauscht haben, verwundert nicht. Es ist nicht nur die Widerspiegelung des Schicksals Teiresias, der zweimal sein Geschlecht gewechselt hat, sondern entspricht auch dem Guss der Inszenierung. Erst die Auseinandersetzung bis zum Ende bringt Gegenwärtiges und deshalb Brisantes hervor.

«König Teiresias» von Leonie Böhm nach Sophokles’ «König Ödipus»| Schauspielhaus Basel | weitere Vorstellungen: 12.4./18.4./19.5. www.theater-basel.ch