Sinfonien
Virtuoses Schaulaufen für die Hörner

Eine ambitionierte Joseph-Haydn-Totale: Die «Hornsignal»-Nacht mit Giovanni Antonini und dem Barockensemble «Il Giardino Armonico» gibt es als Stream.

Reinmar Wagner
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Daniele Caminiti / Kammerorchester Basel

Daniele Caminiti / Kammerorchester Basel

zvg

Immer wieder erstaunlich, welch kreativer Kopf er doch gewesen war, dieser Joseph Haydn! Über hundert Sinfonien hat er komponiert, und in jeder findet sich eine Besonderheit. Zum Beispiel die mit Dämpfer singenden Geigen und Oboen im Adagio-Satz der 48. Sinfonie. Der furiose Presto-Beginn der 59. Sinfonie, der mitgeholfen hat, den Beinamen «Feuer-Sinfonie» zu etablieren – Antonini und die Musiker seines Ensembles «Il Giardino armonico» tun alles, dieses Etikett zu zementieren.

Oder das selig wiegende Siciliano im Adagio der Sinfonie Nr. 31, das Konzertmeister Stefano Barneschi mit einer hinreissenden Mischung aus Virtuosen-Attitüde und hingetupfter Flüchtigkeit in den Saal zauberte, delikat sekundiert vom Solocellisten Paolo Beschi. Oder der Schlusssatz derselben Sinfonie, die als «Sinfonie mit dem Hornsignal» bekannt wurde, in dem sämtliche Instrumente angefangen bei Flöte, Geige und Cello bis hin zum Kontrabass ihren Solo-Auftritt erhalten – ein Schaulaufen für die virtuosen Musiker dieses renommierten Barock-Ensembles.

Das Ensemble «Il Giardino armonico» trat 2014 an der Haydn-Nacht in Berlin auf.

Das Ensemble «Il Giardino armonico» trat 2014 an der Haydn-Nacht in Berlin auf.

Benjamin Pritzkuleit (Archiv)

Ein ganzer Strauss an kniffligen Aufgaben

Im Mittelpunkt des Abends aber steht das Horn. Als Jagdhorn, wie man das kennt in der Barockmusik, aber auch mit verträumt-schwärmerischen Melodien oder gleich darauf mit den hellen, scharfen Fanfaren von Kriegstrompeten. Auch für das Horn hat Haydn enorm abwechslungsreich komponiert und damit den Spielern einen ganzen Strauss an kniffligen Aufgaben gestellt, die auf dem ventillosen Naturhorn auch an heutige Horn-Cracks höchste Ansprüche stellen.

Das kann die vier Hornisten des «Giardino» aber nicht sonderlich aus der Ruhe bringen: Absolut bewundernswert wie sie die Herausforderungen meistern. Es zeichnet dieses Ensemble aus, dass hier die absolut perfekte Beherrschung der historischen Instrumente einhergeht mit einer Homogenität des Ausdrucks und der Klangfarben, die ihresgleichen suchen. 1985 schon hat Giovanni Antonini diesen «Harmonischen Garten» zu beackern begonnen und seither zu einer weltweit gefeierten Konstante orchestraler Originalklang-Kompetenz geformt.

Giovanni Antonini dirigiert das Kammerorchester Basel

Giovanni Antonini dirigiert das Kammerorchester Basel

Martin Toengi (Archiv)

Dazu kommt die überaus lebendige Rhetorik, die Antonini jedem Takt von Haydns Sinfonien abzugewinnen versteht: Dramatische Akzente, funkensprühende Energie, weich schmeichelnde Wärme, und immer wieder die Kraft eines spannungsvollen Pianissimo wechseln im Sekundentakt.

107 Sinfonien will das Orchester aufnehmen

2032 feiert die Musikwelt Haydns 300. Geburtstag. Bis dann wollen Antonini und die Basler Haydn-Stiftung, hinter der Christoph Müller und das Kammerorchester Basel stehen, sämtliche 107 Sinfonien Joseph Haydns einspielen. Neun CDs sind beim Label Alpha bereits erschienen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Zum Konzept gehören genauso die Livekonzert-Erlebnisse in Basel, Wien und Rom, die Haydn in sein musikalisches Umfeld aber auch in die Kunst von heute, in Fotografie und Literatur, einbetten.

Ein weiteres Haydn-Programm aus Basel wird ab 8. Mai auf der Seite des ungarischen Bartók-Festivals (www.bartoktavasz.hu) abrufbar sein. Diesmal spielt das Kammerorchester Basel unter der Leitung von René Jacobs das «Stabat Mater». Das hochkarätig besetzte Solistenensemble bilden Sophie Karthäuser, Sophie Harmsen, Steve Davislim und Arttu Kataja.

Das Hornsignal-Konzert ist auf der Plattform Idagio bis 17. Juli 2021 abrufbar (zehn Euro).