Gefährdete Lehrer

Schon in vier Tagen öffnen die Schulen wieder: Ersatzlehrer dringend gesucht!

Nicht alle Lehrer können ab Montag wieder vor ihre Klassen stehen. Sie zu ersetzen, ist schwierig.

Nicht alle Lehrer können ab Montag wieder vor ihre Klassen stehen. Sie zu ersetzen, ist schwierig.

Baselbieter Schulen suchen kurz vor Wiedereröffnung händeringend nach Stellvertretungslehrern. Denn die Lücke, die durch Lehrer entsteht, die zu einer Risikogruppe gehören, ist gross. FHNW-Studenten sind deshalb sehr begehrt. Reicht es nicht, müssen Stundenpläne ausgedünnt werden.

Noch vier Tage. Dann empfangen die Schulen der Primar- und Sekundarstufe Tausende Schüler wieder in den Klassenzimmern. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Vor allem eine Frage bereitet den Schulleitungen aber noch Kopfzerbrechen: Schaffen sie es, für jeden Lehrer eine Stellvertretung zu finden, der am Montag nicht in die Schule kommen darf, weil er oder jemand im gleichen Haushalt zu einer Risikogruppe gehört?

«Das ist definitiv eine grosse Herausforderung», sagt Pascal Kreuer zur bz. Der Schulleiter der Primarstufe Binningen sucht händeringend nach Ersatzpersonal. Von seinen insgesamt 210 Lehr-, Fach- oder Betreuungspersonen gehören rund 35 zu einer Risikogruppe oder leben mit einer gefährdeten Person zusammen. Und Binningen ist kein Einzelfall. In Allschwil seien etwa 15 Prozent von 200 Lehrern betroffen, sagt der dortige Primarschulleiter Martin Münch. Das wären rund 30. Und auch in Muttenz sagt Schulleiterin Marianna Hersche: «Wir suchen noch immer Stellvertretungen, doch es ist sehr schwierig.» Sie rechnet sogar mit 20 Prozent Betroffenen. Es gebe im Baselbiet aber auch kleine Schulen, die über die Hälfte der Lehrer ersetzen müssten. Der Kanton bestätigt dieses stichprobenartige Bild: «Ich erachte es ebenfalls als eine grosse Herausforderung», sagt der Leiter des Baselbieter Amts für Volksschulen, Beat Lüthy.

Studenten der FHNW mit Angeboten überschwemmt

Wie viele Lehrer genau deswegen nicht in die Schule kommen dürfen, ist unklar. Jede einzelne Schule erhebt die Zahlen selber und der Kanton führt erst ab Freitag ein Monitoring ein. Lüthy geht von 10 bis 20 Prozent aus. Die Unterschiede seien aber gross. «Wir haben sowieso schon einen Lehrermangel und jeden Sommer Schwierigkeiten, genug zu finden. Die Coronakrise verschärft dies», sagt Kreuer.
Da so viele Schulen gleichzeitig und kurzfristig Ersatz suchen, gibt es viel zu wenige reguläre Stellvertretungslehrer. Daher setzt Binningen auch auf Förderlehrpersonen oder Heilpädagoginnen, die einspringen, einen Klassenlehrer aber nicht einfach ersetzen können.

Da auch das nicht reicht, kommt eine weitere Möglichkeit ins Spiel: Studenten der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) sind begehrt wie nie. Wie die bz weiss, werden sie derzeit mit Angeboten für Aushilfen überschwemmt. Die FHNW selber kann keine Zahlen nennen, sagt aber auf Anfrage, dass alle vier Trägerkantone Bedarf angemeldet hätten. Die PH begrüsse solche Einsätze grundsätzlich, so Sprecher Marc Fischer. Da zurzeit der Präsenzunterricht wegfalle, seien sie auch möglich. Aber: «Eine Arbeitsbelastung von über 100 Prozent sollte mit Blick auf ein erfolgreiches Studium nicht über längere Zeit andauern.»

Einige gefährdete Lehrer nehmen Risiko in Kauf

Doch was ist, wenn all das nicht genügt? «Es ist möglich, dass der Stundenplan an gewissen Schulen ausgedünnt werden muss», sagt Lüthy. Dies sei aber wirklich der letzte Schritt und man wisse erst Ende Woche, ob und wo dies nötig werde. «Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt», sagt Kreuer. Etwas kommt den Schulleitungen dabei entgegen: Ein Teil der betroffenen Lehrer möchte trotzdem vor die Klasse treten – auf eigene Verantwortung und schriftlich bestätigt. Das ist erlaubt. Einer davon ist Jürg Lauener. «Meine Frau ist 66 und daher offiziell gefährdet, doch wir sind beide gesund. Darum gehe ich sicher arbeiten», sagt der Leiter der Sek Therwil.

Arbeiten müssen auch die Lehrer, die zu Hause bleiben. Sie werden teils eingesetzt, um im Fernunterricht Schüler zu betreuen, die ebenfalls Daheim bleiben müssen. Lauener hat in Therwil noch etwas anderes vor: Er möchte weitestgehend auf Stellvertretungslehrer verzichten. Stattdessen soll der absente Lehrer seine Klasse mit Arbeitsblättern versorgen, welche die Jugendlichen dann alleine im Klassenzimmer lösen. Darüber kann Kreuer nur schmunzeln: «In der Primar brauchen wir sicher jemanden im Klassenzimmer. Für die Sekstufe mag es gehen – aber die Schüler müssten auf jeden Fall sehr gut betreut werden.»

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