Schnitzelbank-kontroverse
Warum Lukas Engelberger bei der Basler Fasnacht dann doch noch einknickte

Der Basler Gesundheitsdirektor genehmigte heute doch noch die TV-Aufzeichnung von Schnitzelbänken. Zuvor gab's Kritik aus allen nur erdenklichen Reihen – und vom Baselbieter Amtskollegen.

Michael Nittnaus, Rahel Koerfgen und Nora Bader
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Der Druck wurde für ihn wohl zu gross – nicht nur aus Basel, sondern aus allen Landesteilen: der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger.

Der Druck wurde für ihn wohl zu gross – nicht nur aus Basel, sondern aus allen Landesteilen: der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger.

Bild: Peter Schneider / Keystone

Bei Telebasel dürften heute am frühen Nachmittag die Korken geknallt haben. Genauer um 14.15 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt verschickte das Basler Gesundheitsdepartement eine Mitteilung, die es in sich hatte: Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger erteile dem Lokalsender nun doch eine Ausnahmebewilligung für die Aufzeichnung der «Fasnachts-Schnitzelbängg». Und das nur zwei Tage nachdem Engelberger ebendieser Aufzeichnung im Sinne der Coronaregeln des Bundes den Riegel geschoben hatte.

Engelbergers Umkehr sei eine Reaktion auf die Appelle der Basler Schnitzelbangg-Gesellschaften und der Bevölkerung. Der Kanton habe dafür auch mit Pia Inderbitzin, Obfrau des Fasnachts-Comités, Rücksprache genommen, so der Wortlaut der Medienmitteilung, die Engelberger auch direkt zitiert:

«Ich fälle diesen Entscheid in Anerkennung der grossen Fasnachtstradition in Basel und bezeuge ihr damit Respekt.»

Bei Telebasel war die Freude über den Meinungsumschwung gross. «Kurz bevor die Meldung vom Kanton aufgeschaltet wurde, erhielten wir die Nachricht, dass wir nun doch aufzeichnen dürfen», sagt Hansjörg Wilhelm, Leiter der Newsredaktion. Die letzten beiden Tage seien die Drähte beim Lokalsender heissgelaufen und die E-Mail-Postfächer überquollen: «Wir bekamen viel Zuspruch von Leuten, die ihren Unmut über die Entscheidung des Gesundheitsdirektors bekundeten», so Wilhelm weiter. Ausschlaggebend sei am Ende wohl dieser enorme Druck von aussen gewesen. Denn die meisten E-Mails an Telebasel gingen im CC an Lukas Engelberger. Und auch Comité-Obfrau Inderbitzin leitete gleich haufenweise E-Mails an den Gesundheitsdirektor weiter – die Absender kommen aus allen Landesteilen.

Weber fuhr Engelberger gehörig an den Karren

Der Druck kam indes auch von überraschender Seite: Es war ein sehr spontanes Statement, das Thomas Weber am Mittwochabend gegenüber Telebasel abgab. Mit einem Grinsen im Gesicht sagte er auf die Frage, ob Schnitzelbänggler nun im Baselbiet willkommen seien, da sie ihre Auftritte wegen des Vetos des Gesundheitsdepartements nicht in Basel aufzeichnen lassen könnten: «Ich sehe nichts, das dagegen spricht.» Dass sogar der Amtskollege aus dem Nachbarkanton ihm in den Rücken fällt, dürfte Lukas Engelberger gar nicht gefallen haben. Und vielleicht war dies auch eines der vielen Puzzlestücke, die gestern letztendlich sein Bild veränderten und ihn dazu veranlassten, zurückzukrebsen.

Kurz bevor Engelberger dem TV-Sender doch die Aufzeichnungen erlaubte, konnte die bz mit Weber sprechen. Normalerweise wäre zu erwarten, dass der SVP-Regierungsrat nun beschwichtigt und versucht, die Wogen zu glätten: «Ich will das Baselbiet nun nicht als ‹Schnitzelbank-Tourismus-Region› propagieren», hielt Weber denn auch zuerst schriftlich fest. Allerdings fügte er sogleich an: «Doch freue ich mich in der für uns alle mühsamen Coronazeit ganz besonders auf fasnächtlich-kritischen Humor.» Seine Haltung: Wenn die Bundesvorgaben, insbesondere auch die Personenobergrenze von fünf für private Veranstaltungen, eingehalten würden, seien Schnitzelbänke möglich und bräuchten keine Bewilligung.

Mündlich präzisiert Weber: «Wenn die Aufnahmen professionell gemacht sind, ist es auch ein professioneller Rahmen.» Weber betont aber, dass seine Worte nicht als Einladung an den TV-Sender gedacht gewesen seien, im Baselbiet ein Studio zu mieten. Vielmehr appelliert er an die Kreativität und Eigeninitiative der Schnitzelbänke, selbst Aufnahmen herzustellen. Und dann wird Weber nachdenklich: «Humor und konstruktive Kritik als Ventil in harten Zeiten waren wohl seit dem Zweiten Weltkrieg nie mehr so wichtig.»

Kein Kontakt zwischen Stadt und Land

Als Affront gegenüber Kollege Engelberger sieht Weber seine Aussagen indes nicht. Aber: «Ich stosse nicht immer bei allen Amtskollegen auf Verständnis. Hier kommt zum Tragen, dass unsere persönliche Wertegewichtung unterschiedlich ist. Ich denke aber, dass Basel-Stadt das verkraften wird.» Nicht ganz so gesprächig wie Weber zeigte sich Engelberger. Auf die Frage, wie er die Äusserungen seines Amtskollegen aufgenommen habe, hielt er schriftlich und sehr nüchtern fest: «Wir standen dazu nicht in Kontakt mit dem Kanton Basel-Landschaft.»


Nachgefragt bei Comité-Obfrau Pia Inderbitzin

«Ich habe Lukas Engelberger in seinem Vorhaben bestärkt»
Bild: Kenneth Nars

«Ich habe Lukas Engelberger in seinem Vorhaben bestärkt»

Reaktionen aus der ganzen Schweiz liessen den Basler Gesundheitsdirektor realisieren, dass er seinen Entscheid, der Schnitzelbank-Aufzeichnung den Riegel zu schieben, überdenken muss. Bei der höchsten Fasnächtlerin holte er sich Gewissheit, wie sie im Kurzinterview sagt.

Frau Inderbitzin, wie kam es zum Kontakt zwischen Ihnen und Herrn Engelberger?

Pia Inderbitzin: Herr Engelberger rief mich gestern Mittag an und teilte mir mit, dass er im Sinn habe, der Schnitzelbank-Aufzeichnung nun doch eine Ausnahmebewilligung zu erteilen. Ich bestärkte ihn dabei.

Welches Argument überzeugte ihn?

Ich stellte einfach fest, dass es viele bestürzte Reaktionen aus der ganzen Schweiz gab, die ihn und auch das Fasnachts-Comité erreicht haben. Die Bänke sind ein beliebter Aspekt der Basler Fasnacht, nicht nur lokal; sie haben eine nationale Strahlkraft.

Wie gross ist Ihre Erleichterung nun?

Na, immens! Es ist in diesem schwierigen Jahr wichtig, dass die Menschen trotz allem den Fasnachtsgeist spüren und auch sehen. Obschon es in einem Fernsehstudio ohne Atmosphäre und den Reaktionen aus dem Publikum natürlich nicht dasselbe ist. Aber: Die Fasnacht, sie ist da.