Schiblis Kopfsalat
Knabe, komm bald wieder

Bedeuten «Knaben» und «Jungen» dasselbe? Es sind solche vermeintlich harmlose Fragen, die unseren Kolumnisten zuerst in Verlegenheit, dann aber ins muntere Grübeln bringen.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Fred Eberhard / PHOTOPRESS-ARCHIV

Unlängst brachte mich ­jemand, der zwar ausge­zeichnet Hochdeutsch spricht, aber nicht deutscher Muttersprache ist, mit einer harm­losen Frage in Verlegenheit. Die ­Frage lautete schlicht, ob «Knaben» und «Jungen» eigentlich dieselbe Bedeutung hätten. Das ist schwierig zu beantworten, weil die Sprache immer im Fluss ist und man Bedeutungen nicht ein für alle Mal festnageln kann. ­Ausserdem gibt es regionale Unterschiede im Sprach­gebrauch. Ich versuchte es mit einer historischen Differenzierung und sagte: Früher sagte man halt Knaben, heute eher Jungen. Um diese oberfläch­liche Auskunft sogleich zurückzunehmen, denn so ganz stimmt das natürlich nicht.

Das Wort Knaben ist nicht aus dem Wortschatz verschwunden, es überlebt etwa im Zürcher Knabenschiessen und in der Basler Knaben- und Mädchenkantorei. Jungenkantorei wäre weniger empfe­hlenswert, schon weil «die Jungen» Menschen beiderlei (oder meinetwegen jeglichen) Geschlechts umfasst. Und «Jungenschiessen» sagt man schon deshalb nicht, weil das eine unerwünschte Nähe zum Tontaubenschiessen hätte.

Auch das Knabenkraut hat bisher alle Sprachreformen überlebt. Es ist eine ­Orchideengattung, die auch «breitblättrige Fingerwurz» genannt wird und mit Vorliebe in Pink auftritt. Ihre Knollen erinnerten fantasiebegabte Botaniker an die Hoden von Knaben.

Die Verdrängung von Dialektwörtern

Das Wort Knaben hat eine beeindruckende Spur in der Literatur- und Musikgeschichte gezogen; schon allein deshalb sollte man es nicht vorschnell entsorgen. «Des Knaben Wunderhorn» nennt sich eine nicht weniger als 723 Lieder umfassende Sammlung aus dem frühen 19. Jahr­hundert; einige der Gedichte wurden durch ­Gustav Mahlers Vertonungen unsterblich. Das Lied vom Heidenröslein («Sah ein Knab ein Röslein stehn») wurde von Goethe gedichtet und von Schubert vertont; unabhängig davon hat Herder Ähnliches erdichtet – stets balancierend ­zwischen der poetischen Andeutung einer jungen Liebe und sexueller Eindeutigkeit. Wenn jemand einen Mann «alter Knabe» nennt, so ist dieses Paradox oder ­Oxymoron zweifellos ironisch gemeint.

Warum aber hört und liest man heute in der Schweiz viel seltener das Wort Knaben als das geschmei­digere Wort Jungen? Und warum ist der gute alte Bub ausser in Wörtern wie Spitzbube oder Schulbubenstreich fast ausgestorben, abgelöst durch das Wort Junge? Ich denke, es liegt nicht nur am Seemannslied «Junge, komm bald wieder», das durch Freddy Quinn und Hans Albers zum Hitparaden-­Schlager wurde und das mit «Junge» wohl einen Burschen meint – auch das ein fast schon museal anmutendes Wort. Viel eher dürfte es an der Verdrängung von Dialek­twörtern durch hochdeutsche Vokabeln liegen, hervor­gerufen durch die Massen­medien und die Zuwanderung aus dem «grossen Kanton».

Man kann die Sprache ­bekanntlich nicht abschirmen und wie mit einer Käseglocke vor Veränderungen schützen. Aber ein bisschen dazu Sorge tragen, dass die Buben, ­Knaben und Burschen nicht ganz aus unserer Sprachwelt verschwinden, das könnte man schon.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und
Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.