Fundus
Perlentauchen mit David Bowie

Eine hochgradig subjektive Wieder-Entdeckung anlässlich des Geburts- und Todestags des britischen Musikers.

Stefan Strittmatter
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Vor fünf Jahren hat uns David Bowie (hier bei einem Konzert 2003) verlassen. Sein Werk lebt weiter.

Vor fünf Jahren hat uns David Bowie (hier bei einem Konzert 2003) verlassen. Sein Werk lebt weiter.

bz

Er begleitete uns ins All und lud uns zum Tanz, er setzte uns auf Entzug und kürte uns zu Helden. Doch angesichts von welt­bekannten Songs wie «Space Oddity» oder «Let’s Dance», «Ashes to Ashes» oder «He­roes» geht schnell vergessen, dass David Bowie weitaus mehr war als ein wandelbarer Hit­lieferant.

Am Freitag wäre er 74 geworden, am Montag jährt sich sein Todestag zum fünften Mal. Grund genug, um eine weitere Zahl genauer unter die Lupe zu nehmen: 27. So viele Studio­alben hat uns der britische Musiker hinterlassen. Also gut 300 Songs, von denen es ein Grossteil nicht in die Ohren der Massen geschafft hat.

Ein Gang zur eigenen CD-Wand offenbart, dass ich von den 27 Alben stolze 23 mein ­Eigen nenne. Ich muss zugeben, dass mich diese Zahl erstaunt. Zwar bin ich Bowies Musik durchaus zugetan, aber als Fan oder gar Komplettist hätte ich mich in seinem Falle nicht bezeichnet.

Längst nicht bei allen Alben, die hier stehen, weiss ich, wie sie in meine Sammlung gelangt sind.
Manche CDs oder LPs – das obligate «The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars» (1972), das düstere «Low» (1977), das wuchtige «Earthling» (1997) oder das überwältigende «Blackstar» (2016) – habe ich so oft gehört, dass ich jeden Ton mitsingen könnte.

Daneben gibt es die Werke, die ich gelegentlich auflege und dann jeweils neue Details ent­decke: «The Man Who Sold the World» (1970), ­«Scary Monsters (and Super Creeps)» (1980) und «Outside» (1995).

Abschluss der Berliner Trilogie: seekranke Gitarren

Doch dann stehen in meinem Regal auch zahlreiche Alben von David Bowie, von denen ich aus dem Stand keinen einzigen Song nennen könnte. Von ihnen weiss ich, dass ich sie damals nach dem ersten Anhören wenig beeindruckt weggelegt habe. Und genau hier will ich nun ansetzen, den Pandemie-bedingten Mangel an Livemusik nutzen und mich tiefer in meine Bowie-­Sammlung einarbeiten.

Der erste Griff gilt «Lodger» von 1979. Der Abschluss von Bowies Berliner Trilogie, der stets im Schatten seiner zuvor erschienenen Begleiter «Low» und «Heroes» (beide 1977) stand, ist schwer zu fassen. Mit jedem Song schlägt Bowie eine neue Richtung ein, was dem ohnehin sperrigen Werk nicht zu mehr Eingängigkeit verhilft.

Wer die seekranken Gitarren von Adrian Belew liebt (oder zumindest erträgt), der entdeckt hier mit «Look Back in Anger» eine von Bowies hypnotischsten Rocknummern. Und zumindest als Kuriosität zwischen Proto-­Rap und Balkan-Pop hat es ­«African Night Flight» verdient, nochmals gehört zu werden.

Verhältnismässig wenig Aufmerksamkeit habe ich bis anhin auch Bowies kurzlebigem Band-Projekt Tin Machine geschenkt. Doch insbesondere das gleichnamige Debüt von 1989 ist im Rückblick ein grossartiges Album – auch weil Bowie hier innerhalb einer demokratischen Einheit funktionieren muss.

Befreit von der Verantwortung, alle künstlerischen Entscheidungen selber zu treffen, blüht er als Sänger hörbar auf. Dass aus dem reduzierten Quartett-Sound kein Song besonders herausragt, lässt das Album wie aus einem Guss wirken.

Auch wenn die unter den Erwartungen gebliebenen Verkaufszahlen nach drei Jahren zum Ende der Band führten, so ist Tin Machine ein zu Unrecht vernachlässigtes Kapitel in Bowies Karriere. Allein schon, weil es mithalf, Bowie aus dem Radio­pop-Korsett zu befreien, das er sich mit seinem Bestseller «Let’s Dance» Ende der Achtzigerjahre geschnürt hatte.
Sterile Bässe und eine

Reminiszenz an die Seventies

Dabei stiess Bowies erstes Soloalbum nach sechs Jahren nicht nur auf Gegenliebe: «Black Tie White Noise» wirkte bei seinem Erscheinen 1992 als An­biederung an den angesagten House. Auch knapp drei Jahrzehnte später störe ich mich an den steifen Maschinenrhythmen, den sterilen Bässen und den faden Bläsern.

Doch nun entdecke ich auf dem Album auch vereinzelte Perlen: Auf «You’ve Been Around» etwa ­betört der mit ­Effekten verfremdete Bowie als fanatischer Endzeitbeschwörer. Mit «I Know It’s Gonna Happen Someday» gelingt ihm schliesslich ein ergreifendes Morrissey-Cover, das mit Gospelchor, Heldengitarre und einkanalig abgemischten Schlagzeug wie ein Überbleibsel aus den Seventies anmutet.

Das ist grosses Klangkino, das mir Mut macht, zu Bowies Alben um den Milleniums­wechsel zu greifen, die mich seinerzeit kalt gelassen hatten: «Hours...» (1999), «Heathen» (2002) und «Reality» (2003) empfand ich als weitgehend farblos. Bowies letztes Album im alten Jahrtausend etwa beginnt mit der Single «Thursday’s Child» auf seinem Tiefpunkt. Das nichtssagende Lied ist gefällig, sauber und zahm – und dieses Urteil bleibt auch aus der zeitlichen Distanz für grosse Teile von «Hours...» bestehen.

Umso mehr jedoch sticht ein Song aus dem Album heraus: «Something in the Air», ein fast sechsminütiger Fiebertraum mit pumpendem Bass und einem Sänger, den man sich gut in einer Zwangsjacke vorstellen könnte. Dass das Stück in zwei düsteren Kultfilmen jener Ära Verwendung fand («American Psycho» und «Memento»), spricht dafür, dass Bowie zumindest teilweise noch am Puls der Zeit war – vor allem dann, wenn er es nicht forcierte.

27 Studioalben zum (Wieder-)Entdecken

Dann passiert bei meinem Wiedereintauchen in Bowies Werk etwas Eigenartiges: Fast auf einen Schlag erschliesst sich mir sein Spätwerk und ich «ver­stehe» all die Songs, die so unaufgeregt zeitlos klingen und sich – anders als sein bisheriges Schaffen – nicht mehr an den ­aktuellen Trends orientieren. Plötzlich funktionieren für mich auch die zuvor kaum beachteten Alben «Heathen» und «Reality» mit wenigen Ausnahmen.

Dennoch bin ich dankbar, dass sich Bowie nicht mit diesen Werken in den Ruhestand verabschiedet hat. Dass er sich nach zehnjähriger Pause mit dem soliden «The Next Day» (2013) und dem grossartigen «Blackstar» (2016) zurückgemeldet hat, zeugt von seinem Sinn für das Gesamtkunstwerk. Der Mann mit den Tausend Gesichtern hat sein Bild komplettiert – als ob er das vom ersten Album an minutiös so geplant hat.

Seit fünf Jahren ist David Bowie tot, und seinen Nachlass­verwaltern gebührt Lob, dass sie den Markt nicht posthum mit musikalischen Überbleibseln fluten. So bleiben 27 Studio­alben zurück – ein Fundus, so reichhaltig und unfassbar wie sein Erschaffer. Nun ist es an uns, die Vielgesichtigkeit von Bowie über seine Musik zu ertasten und in diesem Zuge neue Seiten an uns zu entdecken.

Die dazu nötigen Werkzeuge hat uns der Künstler hinter­lassen. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, um nach ihnen zu greifen.