Pandemie
Kultkino Basel: «Wir bewegen uns jetzt in einer Zone, wo es wehtut»

Lange war es um das Basler Arthouse-Kino ruhig – zu lange. Jetzt vermeldet die Leitung einen Einbruch der Publikumszahlen um zwei Drittel. Besserung ist nicht in Sicht, gespart wird am Personal.

Hannes Nüsseler
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Tobias Faust und Gini Bermond, Co-Leitung Kultkino Basel

Tobias Faust und Gini Bermond, Co-Leitung Kultkino Basel

Zvg / bz Zeitung für die Region

«Wir haben Kommunikationsbedarf», eröffnet Gini Bermond das Gespräch, an dem auch Tobias Faust teilnimmt. Zusammen leiten sie das Kultkino Basel, und die Dringlichkeit in Stimme und Mimik machen die Frage unausweichlich: Ist das jetzt ein Hilferuf?

«Ein Stück weit schon», bestätigt Bermond, und Faust versucht, den Verzweiflungsgrad etwas zu senken: «Vielleicht ist es eher eine Schärfung des Blicks.» Bislang habe man die Pandemie gut gemeistert und sei optimistisch aufgetreten – «das ist unser Naturell. Doch die Krise ist nicht einfach vorbei, sie verändert sich, deshalb müssen wir uns den Leuten jetzt in Erinnerung rufen.»

Warum, zeigt ein Blick auf die Publikumszahlen. Konnte das Kultkino 2019 noch 202'000 Eintritte verzeichnen, waren es im vergangenen Jahr 71'000: ein Minus von 65 Prozent. «Dabei gehörten wir zu den Unternehmen, die Anfang 2020 einen 14. Monatslohn ausschütteten – weil wir so erfolgreich waren», so Faust. Mit den Zahlen scheine auch das Interesse an der Situation der Kinos gesunken zu sein, sagt Bermond.

«Zu Beginn der Pandemie wurde viel über unser Dilemma berichtet, mittlerweile hört man nur noch wenig davon.»

Die Bevölkerung gehe vermutlich davon aus, dass alles in Ordnung sei. «Aber das ist nicht der Fall. Wir bewegen uns jetzt in einer Zone, wo es wehtut.»

Als Erste bekommen das nun die Aushilfen zu spüren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Stundenlohn. Mit sogenannten Änderungskündigungen müssen ihre Verträge angepasst und der maximale Beschäftigungsgrad auf zehn Prozent gekürzt werden. Obwohl noch keine Stelle gestrichen wurde, stösst der Schritt auf Widerstand – «verständlicherweise», wie Bermond betont.

Strukturelle Eingriffe sind unabdingbar

«Wir hoffen, dass die Massnahmen für das Publikum wenig spürbar sind», ergänzt Faust. «Aber für die Betroffenen ist es natürlich hart.» Strukturelle Eingriffe seien mittlerweile jedoch unabdingbar. «Bei einem so massiven Rückgang müssten wir weitaus mehr einsparen», so Bermond. «Aber darin liegt die Krux: Ein Kinobetrieb lässt sich kaum proportional zum Publikumsandrang dimensionieren.»

Für das Ausbleiben des Publikums gibt es naheliegende Gründe, das individuelle Sicherheitsempfinden, Masken- und Zertifikatspflicht. Bermond sagt dazu:

«Wir sind machtlos gegenüber den aktuellen Einschränkungen. Viele Leute scheinen sich auch aus dem aktiven Leben zurückgezogen zu haben.»

Das Leitungsduo vermutet aber noch einen anderen Grund für das Ausbleiben der Kundschaft. «Wir sind dankbar für die finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand in dieser Krise», sagt Faust, «nicht zuletzt, weil damit unser kultureller Beitrag anerkannt wird.» Doch gibt es auch eine Kehrseite. «Viele glauben, dass es mit den Ausfallentschädigungen von Kanton und Bund getan ist und sie das Kino nur ein- statt fünfmal im Jahr besuchen können.»

Dabei sieht die Realität anders aus. «Wir haben geöffnet, das Personal ist nicht in Kurzarbeit, wir bezahlen die vollen Löhne und Mieten», erklärt Bermond. Man lege grossen Wert auf den persönlichen Kontakt, zum Beispiel an der Kasse. «Der Bedarf nach Kundennähe ist da, aber im Verhältnis zur Zahl unserer Gäste haben wir momentan zu viel Personal.»

Wie andere Kulturinstitutionen auch bekommt das Kultkino seit Pandemiebeginn Ausfallentschädigungen auf 80 Prozent seines Umsatzes, doch sind diese Beiträge auf zwei Millionen Franken gedeckelt. Und gerade weil das Kino Ausfallentschädigungen erhält, müssen Kosten gesenkt werden. «Das machen wir so sorgfältig wie möglich», versichert Faust. «Vor allem, wenn es um unsere Angestellten geht.»

Filmangebot ist so dünn wie noch nie

Als Aktiengesellschaft schütte das Kultkino keine Gewinne aus, sondern investiere alles in Filme respektive in ein vielfältiges Programm, das oft nicht rentabel sei: «Das macht unsere Einzigartigkeit aus», so Faust. Die Gewinne kommen hauptsächlich der Miete und der Infrastruktur zugute, doch nach zwei Pandemiejahren schwinden die Reserven. «Beispielsweise müssten wir alle Projektoren ersetzen, wofür die Rücklagen vorgesehen waren», erklärt Bermond. «Solche Entscheide müssen heute in einem anderen Licht gefällt werden.»

Bereits abgeschlossen ist dagegen ein vom Kanton finanziertes Transformationsprojekt, das es dem Kultkino ermöglicht, Vorpremieren und Diskussionen live aus den Sälen zu streamen. «Das System wurde erfolgreich getestet», erklärt Faust. «Der noch nicht abgeschlossene Teil des Projektes sind eigene und neue Formate, mit denen wir unseren Radius und die Zielgruppen erweitern möchten.»

Ausgebaut wird auch die eigene Streamingplattform myfilm.ch. «Wir sind sehr froh um dieses Standbein, online hatten wir 2021 rund 31’000 Takes, also bezahlte Transaktionen für eine Filmmiete», sagt Faust. «Damit hätten wir nie gerechnet – obwohl es das Kino weder finanziell noch vom Erlebnis her ersetzen kann.» In den nächsten Wochen folgen eine Handy-, Tablet- und TV-App.

Die Sitzreihen leeren sich im Kultkino Basel.

Die Sitzreihen leeren sich im Kultkino Basel.

Bild: zvg

«Wir werden die Krise überleben», sagt Faust bestimmt. «Aber wir werden auf jeden Fall anders herauskommen, als wir hineingegangen sind.» Das betreffe die ganze Branche. «Mit Omikron ist es ja nicht vorbei», sagt Bermond, «das ganze Filmbusiness wird noch Jahre an der Krise zu tragen haben.» Es wird weniger gedreht, Verleiher verschieben Filme, starten sie nur noch digital oder gar nicht mehr. «Das Filmangebot in diesem Januar ist so dünn wie noch nie», stellt Bermond fest.

Das Kultkino sei kein subventioniertes Unternehmen wie beispielsweise das Theater, in dem auch Kultur jenseits von kommerziellen Überlegungen ihre Berechtigung habe, sagt Faust. «Ändert sich für uns nichts, werden wir in einem halben Jahr weitere und schärfere Massnahmen einleiten müssen.» Welche Massnahmen das sein könnten, darüber mag das Leitungsduo nicht laut nachdenken.

www.kultkino.ch

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