Ortsunkunde
Das Fleischbach-Massaker

Simon Morgenthaler besucht in seiner Kolumne «Ortsunkunde» die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Baselbieter Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Ortsunkunde, Fleischbach

Ortsunkunde, Fleischbach

Simon Morgenthaler

Es beginnt schon, als der lokalhistorisch beflissene Schweizer Bürki und der Freizeit-Namenskundler Brandt – ein ortsansässiger Deutscher – durch den Reinacher Amselweg spazieren und auch tatsächlich Amseln singen hören. Wenn Bürki das Gezwitscher emsig lobt, bemerkt Brandt spitz, diese Geschichtsklitterung schmerze ihn in den Ohren. Galgenweg habe es hier früher geheissen.

Beide sind angespannt, wie sie durch den Wald spazieren. In der Nähe des Schwabenloch-Denkmals stolpert Brandt über eine Wurzel, worauf Bürki lediglich kommentiert, er solle aufpassen, wo er hintrete. Ansonsten schweigen sie, als wäre hier nichts geschehen, und gehen eine Böschung hinunter. Schön, was dieser Schweizer Zivilschutz mache, sagt Brandt auf dem Steg, der mit sinnlos hohem Geländer über das Rinnsal des Fleischbachs führt. Schön sei das nicht, so Bürki, das sei vielmehr ein Mahnmal dafür, dass es um die hiesige Wehrhaftigkeit schlecht bestellt sei. Anno 1499 bei der Schlacht am Bruderholz sei das noch anders gewesen, in Unterzahl hätten die Schweizer die Schwaben in die Flucht geschlagen (er zeigt ausladend in die Umgebung), der Bach habe sich vom Blut rot gefärbt, daher auch der Name «Fleischbach». – Unsinn, der Name sei schon im 12. Jahrhundert bezeugt, als «Flinsbach», «Flinse» stehe für «anbrechender Erdschlipf». – Erdschlipf?! Blut sei geflossen, er lasse sich doch nicht über die eigene Geschichte belehren! – Kein Blut! Geröll und Schutt! Von «Flins» über «Flunsch» und «Flensch» zu «Fleisch», das Staubsche Gesetz! – Kaabis, hier gilt das Gesetz der Eidgenossen!

Und ehe sich Brandt versieht, wirft ihm Bürki eine Handvoll Kiesel ins Gesicht. Brandt reagiert und schleudert diesem den Feldstecher an die Stirn. Blut läuft, worauf Bürki einen Ast packt und Brandt eins überzieht. Dieser wiederum rüstet sich mit einem riesenhaften Stück Holz und stürzt Zetermordio schreiend auf Bürki zu.

Und so jagen sie sich mit einigem Gebrüll den Bach entlang über einen Weg hoch an ein paar Häusern vorbei gegen ein Feld zu. Ausser Atem versuchen sie dort abermals ein paar Schwünge – es ist kein heroischer Anblick –, dann lassen sie ihre Keulen erschöpft sinken. Mit Blick auf die «Langilengi», einen Acker im zarten Abendlicht, hinten grasende Kühe, sagt Brandt, das mit der «longue durée» der Geschichte habe er sich anders vorgestellt. Ja, erwidert Bürki, und hält sich die blutige Nase, selbst das sei nicht mehr wie früher.