Ausstellung

«Noch vor einigen Jahren wurde figurative Malerei als überholt abgetan.» Die neue Lust an Bildern

Auffallend gross und bunt behaupten sich die Werke der elf zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler in der Kunsthalle Palazzo.

Auffallend gross und bunt behaupten sich die Werke der elf zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler in der Kunsthalle Palazzo.

Grosszügig und selbstbewusst: Die Kunsthalle Palazzo in Liestal zeigt figurative Malerei in einer Gruppenausstellung.

Sie malen Männer auf Bäumen, porträtieren ausgediente Spielzeughäuser aus Karton, ein Stück Gemüse, wuchernde Pflanzen und zeigen vielfarbige Landschaften: Den Künstlerinnen und Künstlern, die sich zur figurativen Malerei zählen, sind kaum Grenzen gesetzt. An ihren oft leicht zugänglichen Werken können wir uns sattsehen, unsere visuellen Bedürfnisse stillen. Im Idealfall drücken ihre Bilder zudem persönliche Haltungen, private Gefühle und Fantasien aus. Oder aber sie geben visuelle Rätsel auf, deuten Geheimnisse an, verwirren.

Noch vor einigen Jahren wurde die herkömmliche figurative oder gegenständliche Malerei als überholt abgetan – aus den Ateliers und Galerien ist sie jedoch nie ganz verschwunden. Nach dem vermeintlich einfachen Abbilden von Wirklichkeit haben figurative Künstlerinnen und Künstler ihre Darstellungsformen oft auch erweitert. Einzig in ihrer Maltechnik entfernen sie sich kaum von den klassischen Mitteln: Ölfarben, Leinwand, Papier, allenfalls Baumwolle sind nach wie vor ihre bevorzugten Materialien.

Baumwurzeln und Kalksteine

Die aktuelle Gruppenausstellung im Liestaler Palazzo, kuratiert von Kitty Schaertlin, präsentiert sich erwartungsgemäss vielfältig. Vorgestellt werden elf zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler – die meisten um die 60 Jahre alt – deren Arbeiten auffallend gross, meist bunt und selbstbewusst ihren Platz behaupten. Sie zelebrieren die Lust an Farben und Formen, und sei es auch als Verstellung und Verfremdung. Doch wie oft wird die Bildauswahl unter einen beliebig klingenden Titel gestellt: «Intense Impressions» erklärt wenig und trifft auch nur auf einige der Arbeiten zu. Zum Beispiel auf die grossen, dreidimensional wirkenden Ölbilder «Schöntal» von Ercan Richter (*1961 in der Türkei): Das Stück Waldboden mit Erde, Baumwurzeln und blendend weissen Kalksteinen springt ins Auge. Einen eher surrealistischen Eindruck geben gleich gegenüber die farbig-kräftigen Landschaften von Hans-Rudolf Fitze (*1956 in Aarau), die sich dem Blick aus den Wohnzimmerfenstern im Schweizer Mittelland darbieten könnten.

«Schwarzeis» nennt die Künstlerin Corinne Güdemann (*1960 in Winterthur) ihre Serie mit stimmungsvollen, in dunkelblauen und weissen Tönen gehaltenen Winterbildern. Zu sehen sind Spuren von Schlittschuhläufern auf einem zugefrorenen See, schneelose Ufer mit Häusern und Bäumen, wenig Menschen. Bei Schwarzeis, das sich nach längerer Kälte bildet, spiegelt sich der dunkle Seegrund von unten, es gilt als sehr kompakt und tragfähig. Man fragt sich, für wie lange.

Ein Plastikskelett vor zerfetzter Tapete

Sogar eine ganze raumfüllende Installation findet in der Ausstellung Platz: Die in Basel lebende Geneviève Morin (*1963 in Kanada) hat sie ihrem verstorbenen Vater und dessen Liebe zum Meer gewidmet. Dagegen etwas versteckt sind die kleindimensionierten Werke von Daniel Enkaoua (*1962 in Frankreich), der sich in Porträts und Stillleben ganz altmodisch mit seiner Umgebung auseinandersetzt: Kinder, Alltagsdinge, Esswaren. Was an seinen Bildern gleich auffällt, ist ihre eigenständige, wie aus der Zeit gefallene Maltechnik mit kurzen Pinselstrichen und Flecken, die an den französischen Pointillismus des 19. Jahrhunderts erinnern.

Andere grossformatige Arbeiten sprechen die Motive Verschwinden, Untergang und Tod an. Sarkastisch, wenn bei Emilie Picard (*1984 in Frankreich) ein Plastikskelett in buntem Hemd und Fliege auftritt, vor zerfetzter Tapetenwand. Und in fantasyhafter Endzeitstimmung bei Urs Aeschbach (*1956 in Aarau): In einem türkisen Urwald ranken sich aus einem umgestürzten Baum ein violettroter Riesenpilz und ein weiteres Gewächs hinauf. «Nach dem Ende der Geschichte» lautet der Titel des fast drei Meter hohen Ölbilds.


Intense Impressions
Kunsthalle Palazzo, Liestal, bis 29. März 2020. www.palazzo.ch

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