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Geringverdienende erzählt: «Ich arbeite und dann reicht es Ende Monat trotzdem nicht»

Die Debatte um die Einführung eines Mindestlohns spaltet in Basel die Gesellschaft. Zwei Betroffene erzählen, was es für sie bedeutet, weniger als 23 Franken pro Stunde zu verdienen und was ein höherer Lohn aus ihrer Sicht verändern würde.

Elodie Kolb
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Der Verein kantonaler Mindestlohn stellte an einem Pressegespräch zwei betroffene Frauen ins Zentrum.

Der Verein kantonaler Mindestlohn stellte an einem Pressegespräch zwei betroffene Frauen ins Zentrum.

Kenneth Nars

«Ich stehe hier als Betroffene. Nicht nur für mich, sondern auch für die vielen Menschen, die sich nicht trauen, für sich einzustehen», sagt N. Pellegrino, die seit acht Jahren als Kleinkinderzieherin tätig ist. Am regnerischen Dienstagmorgen erzählt sie im Aussenbereich vom Restaurant Lilys am Claraplatz am Pressegespräch vom «Verein kantonaler Mindestlohn», was für sie die Einführung eines Lohns von 23 Franken in Basel bedeuten würde.

«Es ist schwer ohne Mindestlohn», erzählt die 26-Jährige. Es sei eine Frage der Wertschätzung.

«Mit einem anständigen Lohn würde uns zumindest etwas Dankbarkeit für unsere Arbeit entgegengebracht werden. Ich leiste meinen Beitrag, gebe mein Bestens und dafür wünsche ich mir eine faire Entlöhnung»,

sagt Pellegrino. «Aber ich arbeite und dann reicht es Ende Monat trotzdem nicht.» Es sei belastend, von Institutionen abhängig zu sein, sagt sie. Und auch sehr schambehaftet. «Ich habe noch nie jemanden kennen gelernt, der stolz darauf ist.» Sie glaubt, mit einem besseren Lohn wäre sie auch motivierter.

N. Pellegrino wünscht sich für Basel einen Mindestlohn.

N. Pellegrino wünscht sich für Basel einen Mindestlohn.

Kenneth Nars

«Aus ökonomischer Sicht keine Gründe gegen den Mindestlohn»

Es war dann auch der Zweck des nur spärlich besuchten Pressegesprächs, die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum zu rücken. Als Vertreter der Arbeitgeber ist SP-Nationalrat Mustafa Atici vor Ort. Der Gastrounternehmer zahle seinen Mitarbeitenden bereits jetzt einen Mindestlohn. Er findet: «Zufriedene Mitarbeiter sind das A und O.» Es sollte in Basel selbstverständlich sein, mit einer Vollzeitstelle ein würdiges Leben führen zu können, bekräftigt Basta-Nationalrätin Sibel Arslan als Vertreterin des Initiativkomitees. «Für 10 Prozent der Beschäftigten ist das derzeit aber nicht so», sagt Arslan. In Basel seien es 15'000 Arbeitnehmende, die Vollzeit arbeiten und weniger als 4000 Franken im Monat verdienen. Davon seien zwei Drittel Frauen.

Steigende Preise sind etwas, das die Rednerinnen und Redner für kein plausibles Argument gegen den Mindestlohn halten. Denn: «Wir zahlen schlussendlich so oder so. Entweder mit der Einführung des Mindestlohns ein paar Rappen mehr für den Kaffee oder mit den Steuern die Sozialhilfen, auf welche die Menschen sonst angewiesen sind», argumentiert Arslan. Auch Reto Wyss, Verantwortlicher des Wirtschaftsdossiers beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB), sagt: «Selbstverständlich wird es so sein, dass das Risotto an einzelnen Orten 50 Rappen mehr kostet. Aber der Zusammenhang zwischen Preis und Löhnen ist in der Regel nicht so eng.» Und:

«Man muss sehr gute Gründe haben, damit man in der reichen Stadt Basel redlich behaupten kann, dass man sich einen Mindestlohn nicht leisten kann»,

meint er. «Aus ökonomischer Sicht gibt es keine Gründe, die dagegen sprechen.»

Auch die Reinigungsangestellte Y. Melo verdient weniger als den Mindestlohn. Ihr stehen zu Bestzeiten 2500 Franken im Monat zur Verfügung, heisst es am Dienstag. Sie ist alleinerziehende Mutter. Seit sieben Jahren sei die Familie nicht mehr in den Ferien gewesen.

«Meine Töchter haben noch nie das Meer gesehen»,

sagt sie auf Spanisch, die stellvertretende Medienverantwortliche Daria Frick übersetzt für sie. «Wir wissen alle, wie wichtig Geld für eine bessere Lebensqualität ist», sagt Melo. Mit einem Mindestlohn könnte sie sich Dinge leisten, die jetzt nicht gehen, wie zum Beispiel Ferien.

Y. Melo glaubt an eine des Wohlbefindens und damit auch der Wirtschaft mit einem Mindestlohn.

Y. Melo glaubt an eine des Wohlbefindens und damit auch der Wirtschaft mit einem Mindestlohn.

Kenneth Nars / BLZ

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