Zofingerconzärtli

Migranten-Klischees statt politische Parodien

Zwei regungslose Zofinger als Empfangskomitee und drei «Lyyche», die ihr Fett wegbekommen: So will es die Tradition. Im Mittelpunkt des Zofingerconzärtlis steht dieses Jahr die wiedergewählte Nationalrätin Sibel Arslan.

Sibel Arslan sitzt an der Premiere des Zofingerconzärtlis 2020 in der ersten Reihe und beobachtet die Geschehnisse auf der Bühne mit spitzen Ohren und Adlersaugen. Die wiedergewählte grüne Nationalrätin ist dieses Jahr eine der drei «Lyyche». Die Zofinger schiessen scharf. «Ich bin Sibähm Wortarm, gwünn wäge Instagram», singt der als Frau verkleidete Darsteller. Sibel Arslan weiss: Da war dieser Wortpatzer im Bundeshaus, der viral ging. «Aber das ist vier Jahre her», verteidigt sie sich. «Ich hab gedacht, das Zofingerconzärtli bringt Geschehnisse aus dem vergangenen Jahr?» Die Juristin schmunzelt trotzdem ein wenig. Was sie tatsächlich stört: Dass man bei ihr zu sehr das Migranten-Klischee ausspielt, statt politische Inhalte zu parodieren. «Ich fühl mich nicht wie Schwizerin, ich hab einfach das Pass», war einer der ersten Sätze im Stiggli mit Sibähm Wortarm. Alles in allem freut sich die Nationalrätin, eine Lyyche zu sein. «Das zeigt doch, dass ich fest zu Basel gehöre.» Der abgewählte SVP-Nationalrat Sebastian Frehner alias Sebärnian Vrfehler trifft es als Lyyche weniger hart. Viel mehr als den Vorwurf des gelangweilten Frührentners liegt nicht gegen ihn vor. Auch Bundesanwalt Michael Lauber kommt mit der Infantino-Affäre als Vergiss-el Sauber glimpflich davon.

Das Conzert gehört zu den Highlights des Jahrgangs 2020. Christian Schmid v/o Tram Giovanni überzeugt als klassischer Sänger von Schuberts «An Silvia» bis zu Löhner-Bedas «Oh Donna Clara». Für einen der grössten Lacher an der Premiere sorgte der uniformierte Zofinger, der die Blumensträusse für Sänger und Pianist zu früh auf die Bühne brachte. Theatralisch machte er rechtsumkehrt, als wäre die Panne geplant gewesen.

«Der Prolog war schon bissiger»

Mit Gesang und Kammermusik ging am 8. März 1889 das Zofingerconzärtli im oberen Saal des Stadtcasinos zum ersten Mal über die Bühne. Stiggli gab es damals noch keine. Über die Jahre entwickelte sich die Vorfasnachtsveranstaltung zu dem, was sie heute ist: eine parodistisch-liebevoll-boshafte Kommentierung der Geschehnisse des vergangenen Jahres aus der Feder einer Schar Studenten.

Manche Basler mögen das Zofingerconzärtli als obsolet empfinden. Schliesslich bleibt sich die älteste Vorfasnachtveranstaltung ihrem Aufbau mit Conzärtlicantus, Prolog, Conzert, Stiggli und Farbencantus La Blanche seit Jahrzehnten treu. Ein Zofinger-Altherr meinte ich der Pause: «Der Prolog war schon bissiger.» Aber die Aussage «Es isch nimm wie friehner», ist fast so alt wie das Zofingerconzärtli selbst. Die traditionsreiche Vorfasnachtsveranstaltung hält immer wieder Überraschungen bereit. Dieses Jahr liessen die Zofinger in einem Stiggli beispielsweise zwei alte Damen aus dem Daaig Pillen spicken und feierten mit ihnen eine wilde Technoparty.

Ihre manchmal hemmungslosen, bitterbösen und politischen Sketche bringen die Studenten ausgerechnet während der Prüfungszeit auf die Bühne. «Kein Problem», betont der 19-jährige Zofinger Lucien: «Tagsüber lernen wir, abends arbeiten wir an den Szenen.» Ohne das grosse Engagement der 1819 gegründeten Studentenverbindung gäbe es das Zofingerconzärtli nicht. Und spätestens, wenn sich bei der La Blanche junge Zofinger und Altherren singend in den Armen liegen, wird klar, dass Basel ohne ihre älteste Vorfasnachtsveranstaltung um ein leidenschaftliches Stück Unterhaltung ärmer wäre.

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