Literatur
Stadtgeschichten-Kennerin über den Iris-von-Roten-Platz: «Es ist wichtig, dass Frauen an öffentlichen Orten in Basel gewürdigt werden»

Basel erhält einen Iris-von-Roten-Platz. Was die Literatur- und Stadtgeschichten-Kennerin Martina Kuoni davon hält.

Anna Wegelin
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Iris von Roten mit Ehemann Peter.

Iris von Roten mit Ehemann Peter.

Zvg / zvg

Zum 50-Jahr-Jubiläum des nationalen Frauenstimmrechts erhält die feministische Vordenkerin Iris von Roten (1917‒1990) einen Platz in Basel. Zu liegen kommt er auf dem Areal Walkeweg, das dem Kanton Basel-Stadt und den SBB gehört. Bis 2025 soll auf dem sechs Hektaren umfassenden Entwicklungsgebiet nähe Dreispitz ein familienfreundliches Wohngebiet entstehen.

«Es ist enorm wichtig und erfreulich, dass Frauen an öffentlichen Orten in Basel gewürdigt werden», sagt Martina Kuoni, eine fundierte Kennerin der Literatur-, Stadt- und Kulturgeschichte Basels, die Iris von Rotens Vita und Werk auf literarischen Stadtspaziergängen vorstellt. Es sei an der Zeit, dass auch von Roten ein symbolischer Platz im Stadtbild zugestanden werde, nachdem vor fünf Jahren nicht sie, sondern Meret Oppenheim zur Namensgeberin des Platzes beim Radiohaus im Gundeli erkoren wurde.

Die Basler Journalistin und Anwältin Iris von Roten, die am 2. April 1917 in Basel geboren wurde, ist eine frühe Wegbereiterin für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Ihre pionierhafte, skandalumwitterte Schrift «Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau» (1958) verfasste die verheiratete Frau und Mutter einer kleinen Tochter von ihrer Wohnung am Heuberg aus. In dem umfassenden Bericht zerpflückt sie die traditionellen Rollenbilder der Geschlechter und plädiert für das Recht auf wirtschaftliche und sexuelle Selbstbestimmung zu einer Zeit, in der das «Naturell» der biederen Hausfrau und selbstaufopfernden Mutter propagiert wird. Ein Tabubruch, der Iris von Roten bis zu ihrem Freitod zur Persona non grata machte.

Die Basler Germanistin und Stadtführerin Martina Kuoni.

Die Basler Germanistin und Stadtführerin Martina Kuoni.

Ly Aellen

«Das Areal Walkeweg hätte Iris von Roten wahrscheinlich zugesagt», meint Kuoni. Wohnungen zu einem erschwinglichen Preis für ein sozial durchmischtes Publikum und eine Primarschule mit Kindergarten und Tagesstruktur mitsamt freier Naturfläche dazu – das lasse auf eine lebendige, moderne Stadtkultur schliessen, sagt Kuoni. «Ein Platz in der historischen Altstadt mit altehrwürdigen Patrizierhäusern hätte ihr vermutlich weniger zugesagt.»

Seit über 15 Jahren führt die Germanistin und Romanistin Martina Kuoni, Baslerin mit Bündner Wurzeln, mit ihrem Unternehmen «Literaturspur» durch Basels Geschichte(n). Als wir sie Ende März zum Gespräch über Iris von Roten treffen, hat sie soeben mit einer Gruppe Deutsch-Lehrpersonen vom Gymi Leonhard «Schreibende Frauen allerorten» aufgesucht. Auf dem Münsterplatz in der Allgemeinen Lesegesellschaft habe sie Iris von Roten vorgestellt, erzählt sie. Im Frühling 1959 habe man dort ein Buch aufgelegt, in das die Mitglieder erwünschte Neuanschaffungen notieren konnten. Der erste Eintrag lautete auf von Rotens «Frauen im Laufgitter», erzählt Kuoni.

Schluss mit dem Staubwedeln

«Ich habe Hochachtung vor Iris von Roten und vor ihrem Mut, den sie mit ihrer mächtigen Schrift bewies», sagt Kuoni, welche die «präzise Sprache» und die «analytischen Fähigkeiten» der Autorin lobt. «Iris von Roten durchschreitet sämtliche Spektren des öffentlichen und privaten Lebens, trägt dazu Unmengen Material zusammen und macht Vorschläge, was sich ändern solle», sagt sie zum rund 600-seitigen Bericht. «Zum Beispiel weniger Staub wedeln und dafür mehr Zeit für den Geist verwenden.»

Statt der «unentwegten Steigerung des Lebensstandards» (Zitat Iris von Roten) für noch mehr einlullenden Wohnkomfort rede die Feministin Kollektivhaushaltungen «ohne Salons und den ganzen Schischi» sowie einer fairen Arbeitsteilung im Haushalt das Wort. «Wahrscheinlich hätte ihr der Bauhaus-Stil zugesagt, funktional, praktisch und ästhetisch», sagt Martina Kuoni mit Blick auf die Avantgardekünstlerin Ré Soupault (1901‒1996), zu deren Leben und Schaffen sie eine Ausstellung kuratiert, die vor Pfingsten in der Universitätsbibliothek Basel eröffnen wird.

Sie sehe eine Verbindung zwischen Ré Soupault und Iris von Roten, sagt Martina Kuoni: «Beide waren begabte Frauen, die auf ihre persönliche Unabhängigkeit pochten und mit Hingabe versuchten, ihrer Arbeit einen Wert zu geben.»