Glocken-Lieder
Klingen und Besingen: Von «Jingle Bells» bis «Hells Bells»

Es gibt viele Songs, die von Glocken handeln. Nicht alle sind sonderlich festtäglich.

Stefan Strittmatter
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hellsbells

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Am gut geschmückten Weihnachtsbaum findet man zuweilen auch Schokolade in Glockenform. Da Schallwellen jedoch nur bei Synästhetikern die Geschmacksnerven ansprechen, wird die breite Masse nie wissen, wie süss Glocken klingen. Immerhin der Zeitpunkt ihres zuckrigsten Ertönens steht fest: jetzt.

«Süsser die Glocken nie klingen / Als zu der Weihnachtszeit / Sie ist, als ob Engelein singen / Wieder von Frieden und Freud’» – so heisst es in den eröffnenden Zeile, die der deutsche Theologe und Pädagoge Friedrich Wilhelm Kritzinger um 1860 auf die Melodie des damals 20-jährigen Volkslieds «Seht, wie die Sonne dort sinket» textete.

Etwa zur gleichen Zeit (1857) schrieb James Lord Pierpont, der hauptberuflich im amerikanischen Sezessionskrieg für die Beibehaltung der Sklaverei kämpfte, einen Song namens «The One Horse Open Sleigh». Das Lied, das unter dem Titel «Jingle Bells» zu Weltruhm gelangte, wurde zum weihnächtlichen Soundtrack – trotz seines durch und durch säkularen Inhalts.

Der Musikhistoriker James Fuld vertritt die These, dass mit «Jingle Bells» keine Bimmelglocken gemeint seien, sondern die im Imperativ formulierte Aufforderung, bei der Schlittenfahrt mit überhöhter Geschwindigkeit gefälligst mit den Glocken zu klingeln. Diese These wird dadurch gestützt, dass im weiteren Verlauf des meist auf seine ersten Strophen reduzierten Liedes ein Schlittenunfall besungen wird.

Unheil, Erstaunen, Ärger und klingelnde Kassen

Während die einen Glocken bei korrekter Anwendung Unheil verhindern helfen, künden andere genau von solchem. «Hells Bells» etwa – von den australischen Hardrockern AC/DC im gleichnamigen Song von 1980 in Hitform gegossen – ist ein von Erstaunen oder Ärger zeugender Ausruf («Oh, hells bells and buckets of blood!»).

Auch bei anderen Musikern liessen die Glocken die Kassen klingeln: Miles Davis machte aus der Musical-Nummer «If I Were A Bell» einen Jazz-Standard, Mike Oldfield errichtete seine gesamte Karriere auf «Tubular Bells», und Pink Floyd lieferten mit «Division Bell» ihr letztes stimmiges Album ab.

Lou Reed besang in «The Bells» einen glamourösen Selbstmord, James Brown in seinem «The Bells» die drohenden Totenglocken und Marvin Gaye im «The Bells» seiner Formation The Originals die verflossene Liebe. Natürlich wurde Gayes Stück – der Name verpflichtet – auch von Pattie LaBelle gecovert. Womit wir bei der Disco-Ära angelangt wären und damit bei Anita Wards Einladung «Ring My Bell», bei dem schöne Stunden im Schlafzimmer eingeläutet werden. Eben: Süsser die Glocken nie klingen.